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19
Mrz
17

Karin Reddemann: Toter Besuch

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Toter Besuch

© Karin Reddemann

Ich wohne, seit ich denken kann, in der Nähe eines alten Friedhofs. Die Mehrzahl der Gräber ist verschwunden, sie sind Gras gewichen, das über den Toten wächst, deren Namen niemand kennt. Begraben wird dort nicht mehr. Einige wenige Steine stehen noch, ich lese, was dort einstmals liebevoll verfasst worden ist. Manchmal sehe ich frische Blumen oder eine Kerze. Dann weiß ich, dass dort Menschen schlafen, die immer noch wichtig sind. Aber einige schlafen nicht. Mag sein, nicht mehr.

Mit der Vorstellung kann ich leben, dass sie sich nicht mit der Endlichkeit abfinden können. Müssen sie auch nicht. Ich glaube fest daran, dass wir alle wiederkommen, vielleicht in einer anderen Zeit, in anderer Gestalt, glücklicher oder schrecklicher, geschätzt, geliebt, gehasst, gequält, gefoltert, begehrt. Das liegt in unseren Händen. Oder auch nicht. Vielleicht war ich mal eine aufmüpfige Rothaarige, die verbrannt worden ist? Oder Edeldame. Oder Kakerlake. Kann alles sein, da spinne ich schon mal.

Zugleich bin ich vernünftig. Trotzdem zweifelnd. Ich zitiere Stephen King, der versteht das: „Vampire, Wiedergänger, das Ding, das im Kleiderschrank haust, jede Art von Horror. Nichts davon ist real. Das Ding, das unter dem Bett darauf lauert, meinen Fuß zu packen, ist nicht real. Ich weiß das, aber ich weiß auch, dass es mich nie erwischen wird, solange ich meinen Fuß gut unter der Decke halte.“

Daran orientiere ich mich. Immer schön zugedeckt, ich will nicht unnötig erschreckt oder gar angebissen werden. Ich will auch nicht, dass ruhelose Geister bei mir in der Wohnung hocken, ungefragt im Buchregal stöbern und mir beim Baden zugucken. Ich hätte freilich nicht vermutet, dass mir persönlich solch ein von Schlafstörungen geplagter Untoter begegnet, der mich nicht mehr unbeschwert lachen und denken lässt. Ich lache prinzipiell nicht so oft. Jetzt gar nicht mehr. Jetzt habe ich nur noch Angst.

Es geschah an einem Sommertag, der nicht wirklich Sommer war. Der Himmel bedeckt, die Sonne gelangweilt. Sie versteckte sich hinter dunklen Wolken, ich roch den nahenden Regen, aber der Hund musste raus. Ich ging mit ihm auf meinen Friedhof, achtete wie immer darauf, dass er es sich nicht auf den wenigen verbliebenen Gräbern gemütlich machte. Er wälzte sich auf der Wiese, unter der die Vergessenen ruhen, als diese Frau mit ihrem Gehstock auftauchte. Ein böses, verbittertes Weib, das sich spontan vorgenommen hatte, mit der Krücke meinen Hund zu erschlagen.

„Was treibt sich der Köter hier herum, der hat hier nichts zu suchen.“ Und dann: „Du Dreckstück, hast du kein Schamgefühl vor den Toten?“

Das galt mir. Natürlich wollte ich vernünftig reagieren, immerhin zählte sie vielleicht zu den wenigen, die Leichen unter den Gänseblümchen haben und es noch wissen.

Dann hob sie den Stock. Fuchtelte wild damit herum, erstaunlich gekonnt für ihr Alter. Bevor ich einschreiten konnte, um meinen völlig verschreckten Hund zu retten, der grundsätzlich glaubt, dass alle Menschen gut sind und ihn mögen, wurde der Frau mit einem Beil der Kopf gespalten. Knochen splitterten, Blut spritzte, das Gehirn war einwandfrei sichtbar, so was kann man ja nicht alle Tage bestaunen. Ihren ungläubigen Gesichtsausdruck in der letzten Sekunde ihres wohl traurigen Daseins werde ich nie vergessen. Mein Entsetzen auch nicht.

Ich starrte auf den geteilten und völlig entstellten Schädel. Sah diesen bleichen Mann mit der Axt. Hörte ihn sagen: „Jetzt schuldest du mir was.“ Blickte in seine kalten Augen. Auf seine knöchernen Hände. Mein erster Kontakt mit einem lebenden Toten. Hätte gern drauf verzichtet. Ich rief meinen Hund und flüchtete mit ihm, ohne mich umzusehen, mit dieser heiseren Stimme im Kopf: „Ich werde dich besuchen.“

Seitdem warte ich. Immer brav zugedeckt.

*

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