03
Feb
10

Gruselgeschichte Gut geträumt Bruder

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Gut geträumt, Bruder

© Karin Reddemann

Der dicke weiße Mann trug einen Zylinder und hatte ein winziges Loch unter der Nase. Er lag in Axels Arbeitszimmer auf dem Teppich und rollte sich umständlich wieder und wieder von einer Seite auf die andere. Der Hut saß erstaunlich fest, er rutschte zur Seite, in den Nacken, vor die Augen, aber er blieb, wo er war. Der Dicke grunzte unfreundlich, offensichtlich ärgerte es ihn, angeglotzt zu werden.

Gregor, der wie ein Pappschild zwischen Bücherregal und Türrahmen an der Wand klebte und vernünftig entschieden hatte, sich vorerst nicht zu rühren, möglichst auch nicht zu atmen, starrte auf den Zylinder und fragte sich unsinnigerweise, warum der Idiot auf Axels Boden sich das
verdammte Ding nicht einfach vom Kopf fegte. Stört doch, dachte er, kann man doch gar nichts mit anfangen hier, sieht doch echt Scheiße aus, weg damit, Junge, aber so ohne Arme, geht ja nicht, so ganz ohne irgendwas, sieht alles irgendwie Scheiße aus.

„Siehst du, was hab ich gesagt, was hab ich dir gesagt, das da, das hab ich gemeint, ist das normal jetzt oder was? Und du glaubst mir nicht, bin ja bekifft, oh Mann, klar doch. Sackgesicht, du, sowas von bekifft.“ Axel lachte eine Spur zu laut, ließ für einen kurzen Moment den weißen Mann aus den Augen und sah seinen Bruder so triumphierend an, als hätte er soeben den endgültigen Beweis für die Wahrscheinlichkeit des Unwahrscheinlichen geliefert. „Der da war in meinem Traum. Genau der da.“

„Und wie zum Teufel kommt der in deine Wohnung?“ Gregor deutete angewidert mit dem Finger auf den weißen armlosen Dicken mit dem Zylinder und schüttelte sich. „Abartig. Wieso träumst du so eine Kacke? Was für eine irre Matschbirne hast du eigentlich?“

Der Mann auf Axels Boden grunzte wieder. Gregor fingerte sich eine windschiefe Zigarette aus der zerknüllten Schachtel, die er mit der rechten Hand in seiner Hosentasche achtlos durchgeknetet hatte, bog sie sich scheinbar höchst konzentriert zurecht, betrachtete sie eingehend und warf sie in die Ecke. Nahm sich eine neue, die er sich unbesehen zwischen die Lippen steckte, zündete sie aber nicht an. Er stand nur da, starrte, spuckte die Zigarette aus und stöhnte. „Womit grunzt das Viech denn? Aus dem komischen Loch kommt das nicht. Grunzt das aus dem Arsch?“
„Hat keinen. Guck doch. Maden haben keine Ärsche. Glaub ich.“

Der weiße Mann rollte sich grunzend auf den Bauch, als wollte er anklagend demonstrieren, wie unfertig er tatsächlich war. Rollte sich zurück, der Zylinder bedeckte sein halbes Gesicht. Kein Hintern. Keine Arme. Auch keine Beine, nur diese spitz zulaufende halbtransparente Flosse, aus der wie planlos hinein gepropft, ein männliches Glied ragte, das unnütze kleine Fontänen spuckte. Da war eben nichts wirklich Richtiges, da war nur dieser monströse weiße linsenförmige häßliche Körper mit Kopf, ein unbehaartes fettes Etwas mit Zylinder. Es riss sein Loch weit auf und pfiff.

„Pffft!“

Gregor schnappte hörbar nach Luft. „Hast du gehört? Warum pfeift der? Hast du Spinner geträumt, dass der pfeifen soll? Wieso das denn nun?“
Während die große pfeifende Made sich weiterhin auf dem Teppich wälzte und ejakulierte, ohne sich dabei gezielt in eine erkennbare Richtung zu rollen, schien ihr wütender Blick immer wieder Gregor zu suchen. Axel, der zwei Meter entfernt von seinem Bruder am Schreibtisch lehnte und sich mittlerweile so weit gefangen hatte, dass er sich wieder an den Teqila erinnern konnte, kicherte albern. „Der mag dich wohl nicht. Sieht irgendwie sauer aus.“

Die Augen des dicken weißen Mannes waren kreisrund. Tiefschwarze Halbkugeln ohne Wimpernkränze, die aussahen, als hätte jemand Murmeln mit dem Daumen in ein wächsernes Puppengesicht gedrückt.
„Guck sie dir an, Gregor. Wie die Rosinen bei einem Stutenkerl. Findest du nicht?“ Axels wirkte sichtlich aufgekratzt, griff nach der Flasche Tequila auf dem Schreibtisch, drehte den Schraubverschluss ab, hielt sie ihm aufmunternd entgegen. „Neenee, also echt, sowas, hättest du wohl nicht gedacht, nee, hättest du nicht, weiß ich. Ich sag jetzt erst mal Prost. Auf Hans. Brauchst du ein Glas?“
Echt ypisch mein kleiner blöder Bruder, dachte Gregor verärgert, hat an jedem Müll seine kleine blöde beschissene Freude. Er schüttelte wortlos den Kopf, rührte sich aber nicht von der Stelle und wartete, bis Axel ihm mit weit ausgestrecktem Arm die Flasche in die Hand drücken konnte, vorsichtig bemüht, dem Kerl auf dem Teppich nicht zu nahe zu kommen. Ist ja interessant, dachte Gregor, große Schnauze, aber die Hosen voll. Wieso Hans? Egal.
Er nahm einen tiefen Schluck, sah dabei auf seine Armbanduhr, stöhnte auf. „Herrgott, Axel, weißt du, wie spät es ist? Es ist halb fünf. Morgens. Morgens! Kapiert? Halb fünf. Und ich saufe hier Schnaps mit meinem völlig durchgeknallten Bruder, der mich aus dem Bett klingelt und mir lustig erzählt, er hätte einen Alptraum gehabt von einer riesigen grunzenden Made mit einem Zylinder auf dem Kopf, und die läge jetzt in seiner Wohnung rum, und ich denk, klar, Scheiße auch, der hat mal wieder ein paar Drops zuviel reingeworfen, und weil ich, verflucht noch mal, auf den kleinen Wichser aufpassen muss, damit der Junge keinen Blödsinn macht, jaja, versprochen, Mama, großes Indianerwort, Papa, schmeiss ich mich in mein Auto und fahr brav hin, um ihn in seinen süßen Arsch zu treten. Aber dazu komm ich gar nicht, weil da tatsächlich dieser fette weiße Wurm ist, und der grunzt nicht nur, der pfeift auch und glotzt mich an mit seinen, wie war das?, ja, Rosinenaugen, als wenn er mich fressen will, und ich? Ich saufe Tequila, ich bin doch nicht ganz echt.“

Er nahm noch einen Schluck, trank eine Spur zu hastig und musste husten. Axel nickte betroffen, so herrlich betroffen, wie er schon als Dreijähriger hatte nicken können, bewegte sich einen Schritt auf Gregor zu, schön dicht an der Wand entlang, und klopfte ihm auf die Schulter. „Ist ja gut, ich mach das nicht mit Absicht, glaubst du denn, mir gefällt das?“
Gregor sah ihn skeptisch an. Axel grinste.
„Ob dir das gefällt? Aber ja. Offensichtlich ja.“
„Schwachsinn. Der da macht mich auch nervös. Meinst du, wenn ich jetzt einpennen würde, wäre der wieder weg?“
Gregor bekreuzigte sich. „Lieber Gott, lass ihn nicht so völlig doof sterben. Jetzt einpennen. Was hast du vor? Willst du ihn wegschlafen? Also du träumst mal eben kurz, dass der da gar nicht da ist, von dem du vorher geträumt hast, und dann haben wir keine Made mehr in deiner Bude. Ja? Dann mach mal voran, du Großmeister aller Sackgesichter, los. Träum.“

Er steckte sich eine Zigarette an mit der festen Absicht, diese eine tatsächlich zu rauchen, mehr noch, er nahm sich vor, noch mehr Tequila zu trinken, Axel war stets ordentlich eingedeckt, sollten die in der Kanzlei heute ohne ihn fertig werden, er hatte genug mit seinem beknackten Bruder und dessen häßlichen Wurm zu tun. Er inhalierte, stieß den Rauch durch die Nase aus, sah dem hübschen blauen Kringel beinahe verliebt nach, verlor das Interesse an seiner guten Laune und blickte irritiert zu Boden. Auf seinen Schuhspitzen waren feine Tröpfchen. „Ist das von dem da? Spritzt der so weit? Ist doch eklig. Was hast du dir denn überhaupt dabei gedacht? Bei diesem komischen Schwanz da in dem Ding? Warst du im Delirium?. Sowas spinnt sich ein vernünftig schlafender Mensch doch nicht zusammen, du bist echt krank, Axel, ich mach mir wirklich Sorgen.“

Axel verzog gekränkt das Gesicht. „Komm mir bloß nicht auf die Tour. Ich hab den da ja nicht gemacht oder so, das war ein völlig normaler abartiger Traum, andere haben da noch viel beschisseneres Zeug im Hinterstübchen, kann ich denn ahnen, dass ich aufwache und der allen Ernstes bei mir auf dem Teppich herum kugelt? Kann ich wohl nicht. Und was machen wir nun?“

Jetzt nicht aggressiv werden, dachte Gregor, was wir machen, klar doch, was ich mache, meint der wohl. Wie immer. Er zuckte mit den Achseln, vorläufig fiel ihm nichts Klügeres ein, und bot Axel schweigend eine Zigarette an. Der schüttelte den Kopf . „Für mich nicht. Gib doch Hans eine. Mal seh’n, was der mit seinem Loch so alles machen kann. Komm schon, gib ihm eine. Traust dich nicht ran, was?“
„Hör auf mit dem Dreck. Wieso Hans?“

„Pffft!“

Gregor zuckte zusammen.. „Dieses Pfeifen. Grauenvoll. Wieso nennst du das da Hans? Wann hast du ihm denn einen Namen gegeben? Du bist doch total…he!“ Er griff nach dem dünnen Schwanz, der vor seiner Brust baumelte, verfehlte ihn, schüttelte sich, sah den kleinen Affen, zwinkerte kurz, sah ihn nicht mehr, grinste schief und dachte, okay, jetzt ist es auch mit dir soweit In dem Moment hüpfte ihm etwas auf die Schulter und krallte sich dort fest.

„Nichts da, weg mit dir. Wirst du wohl loslassen.“ Axel fuchtelte wild mit den Armen, natürlich lachte der Idiot, ist auch wirklich alles zum Brüllen hier, dachte Gregor. Er schlug nach dem Tier, das sich an seinen Hals klammerte, schlug erneut, diesmal fester, registrierte einen hohen empörten Schrei, dann war er befreit. Der Affe trug eine Strickjacke und winzige Turnschuhe, von denen er einen verlor, als er mit einem weiten Satz durch das Zimmer flog und auf der Gardinenstange landete. Dort blieb er laut schimpfend hocken.

Georg rieb seinen Hals, der Affe hatte ihn gekratzt, da war unverkennbar echtes Blut an seinen Fingerspitzen, da war echter brennender Schmerz, und irgendwie fühlte er sich erleichtert. Zumindest halluzinierst du nicht, dachte er, alter Junge, du bist noch halbwegs frisch da oben.
Er bemühte sich, seine Stimme so beiläufig wie möglich klingen zu lassen. „Wie originell, Axel. Dann leg mal los, ich höre. Was macht der Affe hier? Wieso hat der Klamotten an?“
Axel breitete die Arme aus, zog eine kindliche Schnute, – „Was fragst du denn mich?“ – , griff nach der Flasche, die Gregor auf dem Bücherregal abgestellt hatte, führte sie zum Mund, setzte an, stockte. Stutzte. Schrie. Es klang begeistert. „Natürlich. Der war auch dabei.“ Schlug sich mit der flachen Hand vor die Stirn, lachte kurz auf, trank, grinste zufrieden, nahm noch einen Schluck. Rülpste. Lachte. Gregor sah ihm fassungslos zu. „Wobei? Pack die gottverdammte Pulle weg, ich frag dich was. Wobei war der Affe?“
„In meinem Traum. Ich hab von dem geträumt, genauso sah der aus. Witzig, was?“
„Nein. Nicht witzig. Was geschieht mit ihm?“
„Er wird gefressen. Hans frißt ihn auf. Glaub ich. Weiß ich nicht mehr so genau. Ist das so wichtig?“ Axel fingerte sich jetzt doch eine Zigarette aus Gregors Schachtel, musterte sie vergnügt und boxte seinen Bruder in die Seite. „Wieso lädierst du die armen Dinger so? Entspann dich.“

„Was hast du denn noch Schönes geträumt? Ich frag nur mal so.“ Gregor atmete tief durch, steckte betont beiläufig die Hände in die Hosentaschen, ballte sie zu Fäusten. Der Irre soll bloß aufpassen, dachte er, bloß aufpassen. Axel legte seinen Kopf in den Nacken, schien tatsächlich zu überlegen. Dann: „Ich denke, nun, nein. Denke ich. Sonst nichts. Nein. Oder doch. So’n paar Russenärsche mit Kalaschnikows haben deine Frau gefickt, Tatsache, Gitta war auch da, ich konnte ihre Muschi riechen.Und dann ist sie wie ein Knallbonbon in zwei Stücke geflogen, überall Gedärmgematsche. Glotz nicht so blöd, was kann ich denn dafür? Billsbeck hab ich auch abgefackelt. Ich denke, dass das unser beschissenes Kaff Billsbeck war. Scheiß was drauf, Scheiß was auf meinen Traum. Mach lieber das Ekelpaket von meinem Teppich weg, ich will den da nicht mehr.“

Axel stieß sich mit einem Bein von der Wand ab, holte Schwung und trat dem dicken weißen Mann dorthin, wo der Bauch sein musste. Der Mann pfiff durch sein Loch und blinzelte böse mit den Rosinenaugen.

„Pffft!“

Axel bückte sich und rückte den Zylinder grade. Dann spuckte er ihm ins Gesicht. „Böser Junge. Sollst du Laut geben? Nein, sollst du nicht.“

„Bist du jetzt komplett wahnsinnig geworden? Geh weg von dem, sofort gehst du da weg.“ Gregor sprang einen Schritt auf Axel zu, zog ihn am Ärmel seines Pullovers hoch, zerrte ihn zur Seite, packte ihn an den Schultern und schüttelte ihn durch. „Ich glaub das nicht, Axel, ich glaub das einfach nicht. Ich sollte dir die Fresse polieren, wenn du das noch mal machst, hattest du mal Eier, klar?!“

Axel sah ihn amüsiert an und versuchte, sich aus dem Griff seines Bruders zu befreien. „Okay, schon gut, alles klar, Mann. Nicht so doll, Mann.“ Gregor reagierte nicht, schüttelte weiter. Axel lief rot an. Für einen Moment schien auch er verärgert zu sein. „He Mann, hör auf damit, mir wird schon ganz schlecht davon, ich kotz dich gleich voll, ich warn dich. Mann, Himmel, reg dich doch nicht so auf, hier passiert doch nichts. Rein gar…was zum Henker?“

„Pffft!“

Das war deutlich lauter als vorher. Beide blickten gleichzeitig auf den Weißen am Boden, der es geschafft hatte, sich näher an sie heran zu rollen, er lag jetzt fast zu ihren Füßen, auf seinem Gesicht turnte der Affe. Gregor hielt Axel immer noch fest, beide japsten nach Luft. Der Affe turnte nicht wirklich, er versuchte, mit sinnlosen Verrenkungen sein Hinterteil aus dem Loch zu ziehen, das jetzt die Größe eines Tennisballs hatte. Die Rosinenaugen waren weit aufgerissen, als die ersten Knochen knackten. Der Affe schien selbst erstaunt zu sein, dass sein ganzer Körper in dieses Loch zu passen schien, er blieb stumm, auch, als ihm klar wurde, dass er nicht wirklich passte. Der Mann mit dem Zylinder schien ihn in sich hinein zu saugen wie eine fette große Frau, die durch ein kleines kaputtes Fenster im Flugzeug verschwindet, so leicht, als wäre sie vorher in einem Mixer gewesen, um mundgerecht gemacht zu werden.
Als nur noch der bereits deformierte Kopf aus dem Loch ragte, war es Axel, der als erster seine Sprache wieder fand. „Hat der den jetzt bei lebendigem Leib pürriert? Hat er das? Wie macht der sowas?“ Gregor nickte, krächzte Undefinierbares, räusperte sich, flüsterte nur. „Scheißegal. Weg hier, Axel.“

„Neeeiiin.“ Gregor zuckte zusammen. Starrte zu Boden. Die Made mit dem Zylinder blinzelte ihm mit einem ihrer Rosinenaugen zu und zog dabei ihr Loch in die Länge. „Neeeiiin.“ Dann klaffte es wie eine durch einen sauberen Schnitt herbeigeführte Wunde weit auseinander, weit genug, um einen Kinderkopf hinein zu stecken. Nicht weit genug für einen ausgewachsenen Mann, natürlich nicht, aber Gregor hatte gelernt, dass nichts so möglich wie das vermeintlich Unmögliche sein kann. Er taumelte zurück, schwankte, fand keinen Halt, stolperte über die eigenen Füße und fiel unsanft gegen Axels schweren Schreibtischstuhl, rappelte sich wieder auf, fiel wieder, schlug mit dem Hinterkopf an die Stuhlkante, hätte gern geschrien, vor Schmerz, vor Entsetzen, versuchte, einen Ton von sich zu geben, irgendeinen verdammten menschlichen Laut. Nichts kam über seine Lippen, nicht einmal das Brüllen, das in seinem Kopf explodierte, als er seinen Bruder sah. Der blickte ungläubig zurück, dann zu Boden, erkannte verblüfft, wo exakt er stand, wo sein rechtes Bein sich mittlerweile befand, hörte das Knacken, ein Grunzen, ein Geräusch, als würde jemand Brause durch einen dicken Strohhalm ziehen.
„Gregor.“
Nur der Name.
Nichts mehr.

„Gregor?“

Er öffnete die Augen, nur einen kleinen Spalt weit, stöhnte, kniff sie sofort wieder zusammen, öffnete sie vorsichtig erneut, um sie an den Schein der Taschenlampe zu gewöhnen, mit der sein Bruder ihn blendete. Sein Schädel brummte, als hätte jemand mit einer Zange versucht, sein das Gehirn heraus zu kneifen.
„Gregor? Alles in Ordnung?“ Axel hielt ihm die Lampe direkt ins Gesicht, er sah ehrlich besorgt aus. „Mann, mach doch nicht solche Sachen.“
Gregor, der längs gestreckt auf dem Rücken vor Axels Schreibtisch lag, stemmte sich mit den Ellenbogen hoch, kam in Sitzstellung, fasste an seinen Hinterkopf. Warm, nass, klebrig war es dort. „Scheiße, ich blute.“
„War klar. Bei dem Stunt. Hammerhart, wie du hingeknallt bist. Wohl zuviel Tequila, du alter Saftsack, wusste gar nicht, dass mein großer Bruder wie ein Weichei säuft. Ohnmächtig warst du Penner, korrekt ohnmächtig wie so ‘ne Heiteiteifotze im Film, ich dachte schon, du pennst dich gradewegs in die Hölle. Hast du wenigstens was Gutes geträumt?“
„Nein.“ Gregor zögerte kurz, sah Axel mißtrauisch an. Natürlich, wieder mal, der Flachwichser grinste. „Es war nicht gut.“ Er blickte zum Fenster. „Wieviel Uhr?“ – „Halb fünf. Morgens.“ – „Warum ist es schon so hell?“ – „Weil es brennt. Irgendwo brennt es wohl.“ – „Wo denn? Warum? Was brennt denn?“ – „Alles.“ – „Wie jetzt?“ – „Billsbeck.“ – „Die ganze Stadt?“ – „Die ganze beschissene Stadt.“ – „Ich ruf jetzt Gitta an.“ – „Tu das.“
Axel streichelte ihm sanft über das Haar. „Armer Gregor. Ich hol dir einen Lappen für deinen Kopf.“ – „Axel?“ – „Hm.“ – „Warum liegt da ein Zylinder in der Ecke.“ – „Da liegt nichts. Träumst du noch?“ – „Hans?“ – „Hm.“ – „Wie macht die fette weiße Made?“
Er sah ihn freundlich an. Rosinenaugen.

„Pffft!“

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Pressestimmen:

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. Ist die eine Erzählung zu Ende, lechzt man nach der nächsten. … „Gottes kalte Gabe“ … Ein trefflicher Titel für einen Reigen mystischer, düsterer und melancholischer, immer hochliterarischer Geschichten. Karin Reddemann … entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

… mit so scharfem Blick und so wortmächtig, dass man sich dem Sog kaum entziehen kann. Die von Karin Reddemann sehr geschätzte Elke Heidenreich würde wohl lapidar empfehlen: „Lesen.“
Saarbrücker Zeitung

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30
Jan
10

Gruselgeschichte Penna mortis

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Penna Mortis

© Thomas Sedlmeyr

Am Anfang hielt ich das Ganze für einen schlechten Scherz. Bestenfalls für eine Metapher. Ich führte dieses Interview, und alles lief wie immer. Erst als ich gehen wollte, packte mich der Typ plötzlich am Arm. Er erzählte mir irgendeinen Voodoo-Schwachsinn, und dann schenkte er mir diesen Füllfederhalter. Einen Original Montblanc Meisterstück Kolbenfüllhalter. In edlem schwarzem Design, mit 24 Karat Goldfeder. Ein schönes Schreibgerät, das ich bereitwillig annahm. Auch wenn es angeblich die Seelen von zweihundert Menschen in sich trug.
Das Interview hatte ich einige Tage vor Weihnachten gehalten.
Seitdem war einiges geschehen. Einige Tage nach Weihnachten war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich verließ das Haus nicht mehr, ich aß nicht mehr und trank nur noch Whiskey. Mein gesamter Tagesablauf drehte sich nur noch um den Füllfederhalter. Er lag vor mir auf dem Schreibtisch, aus Sicherheitsgründen hatte ich ihn auf eine Bibel gebettet, die kleine Schreibtischlampe warf ihr spärliches Licht auf ihn und ließ seine schwarze Hülle matt erstrahlen. Ich saß vor ihm, den Kopf auf die Tischplatte gebettet starrte ich ihn an, Stunde um Stunde. Von Zeit zu Zeit sprang ich auf und lief einige Runden durch das Zimmer. Dabei debattierte ich lautstark mit mir selbst. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich anfing die grünen Schleier zu sehen. Sie umtanzten das Objekt und erweckten es auf gruslige Art zum Leben. Jedes Mal wenn mich der Schlaf übermannte, so schrak ich nach wenigen Minuten empor: Ich hatte das Gefühl, der Federhalter hätte sich tief in mein Herz gebohrt. Gestern Mittag konnte ich nicht mehr, und ich beschloss mich einem guten Freund anzuvertrauen.
Rob kam sofort. Wir hatten uns zuletzt an Weihnachten gesehen, und nachdem ich drei Tage nicht in unserer Stammkneipe aufgetaucht war, hatte er bereits angefangen sich Sorgen zu machen. Letztlich war er davon ausgegangen ich sei krank, verliebt oder plötzlich verreist. Mein Anblick tat wenig dazu ihn zu beruhigen.
„Mann, du siehst ja absolut beschissen aus!“ Seine Begrüßung traf ins Schwarze. Ich war unrasiert, übernächtigt und stank. Es würde nicht 9 einfach werden. Folglich galt es keine Zeit zu verschwenden. „Rob. Rob, gut dass du hier bist. Dieser Füllfederhalter dort … er tötet Menschen!“ Robs Kinnlade hätte nicht tiefer fallen können. Ich sah seine Mundwinkel zucken: ein sicheres Zeichen dafür, dass er nicht wusste ob er mich verprügeln oder lachen sollte. Verzweifelt rang ich um Worte, es kam mir so vor als hätte ich Tinte im Mund, als würde der Füllfederhalter mir die Silben von den Lippen saugen. Ich schluckte schwer, doch der bittere Geschmack blieb. „Rob, ich kann mit diesem Federhalter töten. Ich muss nur den Namen eines Menschen damit niederschreiben, dann stirbt dieser!“
Jetzt grinste Rob. „Ach so. Verstehe. Der Teufel wollte einen Pakt mit dir schließen, du hast unterschrieben, und er hat seinen Kugelschreiber bei dir vergessen. Und seitdem hast du ein schlechtes Gewissen.“
Ich stutzte. Eine durchaus plausible Erklärung. Leider schien Rob sie nicht so zu meinen.
„Es ist mir absolut ernst, Rob. Und es ist ein Füllfederhalter. Ein Füllfederhalter, kein Kugelschreiber.“
Noch ging er davon aus ich wolle ihn veräppeln. Nun ja, er würde bald erkennen, dass dem nicht so war. Der Scherzkeks von uns beiden war immer er gewesen.
„Wie willst du mit einer Feder töten? Die hat Cäsar schon wenig genutzt. Und die moderne Variante des Füllfederhalters ist nicht einmal mehr dazu geeignet, sich nach einem Festmahl die Kehle zu kitzeln und auszukotzen. Mit der Patrone kann man allenfalls Tintenkleckse verursachen. Außer … na klar!“
Ich blickte ihn hoffnungsvoll an.
„Außer du hast so einen beschissenen James Bond Kugelschreiber. Peng, peng!“
Ich sah, wie die grünen Schleier um den Federhalter sich verdichteten. Er schien Robs Humor nicht besonders zu mögen.
„Aber wenn ich es dir doch sage, Rob! Mann, es ist echt kein Scheiß! Ich setz den Namen einer Person auf ein Stück Papier, stell mir das Gesicht dazu vor und …“
„Und die Person fällt tot von ihrem Hocker. Klar. Dein Stift kann töten. Schreibst du jetzt für die Bild, oder was?“ Langsam wurde er gereizt. „Zeig es mir.“
„Wie soll ich es dir denn zeigen, verflucht?!“
„Setz meinen Namen auf das Papier!“
„Einen Teufel wird ich tun! Du bist mein Freund, Rob. Außerdem bringt dir deine Erkenntnis herzlich wenig, wenn du tot bist.“
Verdammt, wie sollte ich Rob beweisen dass ich recht hatte? Nein, das konnte ich nicht tun. Andererseits … Ich hatte ja doch keine Wahl. Rob musste die Wahrheit erfahren. Ich konnte das Geheimnis nicht alleine tragen, nicht ohne den Verstand zu verlieren, und Rob war der einzige, dem ich vertrauen konnte.
Mit diesem Federhalter konnte man sein eigenes Todesurteil unterschreiben und gleichzeitig vollstrecken. Man konnte auch jeden beliebigen anderen Namen aufs Papier setzen. Dies barg natürlich ein moralisches Problem. Allerdings veränderte sich das moralische Empfinden etwas, wenn man gerade seine ganze Familie durch einen Stapel Weihnachtskarten ausgelöscht hatte. Man… man begann die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen.
„Lass uns Michel anrufen!“
„Warum willst du Michel anrufen?“
An sich eine berechtigte Frage. Keiner von uns beiden mochte Michel besonders. Wir hatten ihn vor einigen Tagen in einer Bar kennen gelernt, und seitdem ging er uns mit seinen SMS auf die Nerven. Rob zuckte mit den Schultern. „OK, ich ruf ihn dann mal an.“
Es dauerte nur wenige Minuten, dann stand Michel vor der Tür. Angeblich hatte er beruflich in der Gegend zu tun. Für Rob und mich war klar, dass er wieder einmal auf uns gelauert hatte. Seine einzige Beschäftigung schien es zu sein Freunde zu suchen und sie dadurch gleichzeitig zu vergraulen.
Wahrscheinlich sollte ich den Füllfederhalter wie diesen einen Ring ins Feuer werfen. Er war gefährlich. Andererseits … wie viel Gutes man damit bewirken konnte! All die Menschen, die sich auf Kosten anderer und der Umwelt bereicherten. Die tausendfaches Leid und Elend verursachten. Ein Name, ein Gedanke, ein Federstrich … Dieser Füllfederhalter könnte ein flammendes Schwert der Gerechtigkeit werden!
Ich ließ mich nieder und zog einen Bogen weißes Papier hervor. Dann nahm ich den Füllfederhalter und fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. Ich konnte Michel nicht in die Augen sehen. „Es tut mir leid, wirklich.“ Mein Flüstern vermischte sich mit dem Kratzen der Feder. Der Federhalter pulsierte warm in meiner Hand. Michel Weimann. Es war vollbracht. Schwer atmend legte ich den Füllfederhalter nieder und blickte auf. Der Faustschlag kam unerwartet und tat sehr weh. Ungläubig rieb ich mir das schmerzende Auge.
Rob packte den verdutzten Michel am Arm und zog ihn aus der Tür. „Komm, lass uns gehen. Ich brauch ein Bier.“
An der Schwelle blieb er noch einmal stehen. „Du hast echt ein Problem. Ein großes Problem.“ Damit hatte er zweifellos recht.
Als Rob weg war setzte ich mich an den Tisch und überlegte. Wieso hatte der Federhalter bei Michel nicht funktioniert? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sicher! Es konnte nur daran liegen, dass Michel nicht Michel war. Und wenn Michel nicht Michel war, sondern sich nur Michel nannte, dann war er einer von ihnen. Ein gemeiner Spitzel …
In diesem Moment klingelte es auch schon an der Tür. Sie kamen mich zu holen.
Eine zu enge Jacke und Wände aus Gummi. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die Zeitung, die sie mir an diesen Morgen unter der Zellentür hindurchschoben, war die letzte meines Lebens. Die Schlagzeile: „Blutige Weihnacht: Wahnsinniger Journalist tötet Familie.“ Daneben waren über Nacht eine ganze Reihe unbequemer Häupter von nichtstaatlichen Organisationen und ausländischen Staaten verstorben. Mein Lachen erschien mir selbst etwas unheimlich.

***

Eine weitere Füllfederhalter-Gruselgeschichte von Thomas Sedlmayr gibt es in dem Buch

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten


Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

Hervorragend geeignet zum Vorlesen auf einer Halloween-Party.

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*** Gruselgeschichten ***

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05
Jan
10

Gruselgeschichte – Bis in alle Ewigkeit

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Bis in alle Ewigkeit

© Nicole Dallinger

Die düsteren Mythen und Legenden um seinen Heimatort übten bereits in der Zeit, als er noch ein kleiner Junge war, eine große Faszination auf Lukas aus. Vor allem die Geheimnisse um den mysteriösen Füllfederhalter zogen ihn in ihren Bann. Gar manchem soll der Füller Wunscherfüllung, Reichtum und Segen gebracht haben, bevor er ihn ins Verderben stürzte. Diese Geschichten wurden beinahe totgeschwiegen. Nur selten hörte man jemanden davon reden, flüsternd hinter vorgehaltener Hand, oder wenn ein Gläschen zu viel getrunken wurde. Jeder glaubte jemanden zu kennen, der wieder jemanden kannte, der Erlebnisse mit dem rätselhaften Schreibwerkzeug zu erzählen vermochte oder es gar in seinem Besitz hatte.

An besonderen Tagen, wenn Lukas innig darum bat, ließ sein Großvater ihn an den Legenden teilhaben. Stets flüsterte der Großvater und riss während des Erzählens die Augen so weit auf, dass man denken konnte, er habe Angst, wenn das Wort „Füllfederhalter“ über seine Lippen kam. „Das rabenschwarze Schreibwerkzeug mit den geheimnisvollen goldenen Zeichen, die bis heute niemand zu deuten vermag, ist das Werkzeug des Leibhaftigen. Und wer diesem Werkzeug auch nur einmal verfällt, opfert seine Seele dem Teufel.“ Sobald er die Geschichten beendet hatte, fügte er jedes Mal hinzu: „Hüte dich, mein Junge, jemals den Füller zu begehren, hüte dich!“, wobei er Lukas eindringlich, fast drohend in die Augen schaute. Dann pflegte er den Zeigefinger auf seine Lippen zu legen, während er den Blick still zu Boden senkte.

In seinen Kindestagen schrieb Lukas alle Geschichten nieder, die sein Großvater über den Füllfederhalter erzählte. In der alten Dorfbücherei neben der Kirche lieh er Bücher aus, in denen er vereinzelt Hinweise über den Füllhalter fand, die er ebenfalls niederschrieb und aufbewahrte.

Viele Jahre waren seither vergangen und Lukas zählte inzwischen fünfundzwanzig Lenze. Er war zu einem schlaksigen Burschen herangewachsen. Im Dorf ließ er sich nur selten blicken, weshalb er als Eigenbrödler abgestempelt wurde. Sein Gang war mühsam und sein Rücken gekrümmt wie ein alter Stock. Sein Haupt hielt er gesenkt und niemals drehte er es zur Seite. Das fahlblonde, schüttere Haar hing ihm tief in die Stirn, so dass man seine Augen und das eingefallene Gesicht kaum erkennen konnte.

Tief in seinem Herzen trug er einen Wunsch, dessen Erfüllung ihm alles bedeutete. Er hatte sich in die schöne Bäckerstochter Elena verliebt. Sie hatte ein reines Gemüt und sie war ein Abbild göttlicher Vollkommenheit, dessen er sich nicht würdig fand. Noch nie hatte er in ihrer Gegenwart ein Wort über seine Lippen gebracht. Doch begehrte er sie so sehr, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, um ihre Gunst zu erlangen. In seiner Not fielen ihm die Legenden um den mythenumwobenen Füllfederhalter wieder ein. Er musste das Teufelsgerät in seinen Besitz bringen, damit er sich seinen Herzenswunsch erfüllen konnte.

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

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04
Jan
10

Gruselgeschichte – Wir sind die Toten der Nacht

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Wir sind die Toten der Nacht

© M. Gregory Pärm

Gott wird mich dafür bestrafen, dass ich das brach, was die Spanier „El silencio de los muertos“ nennen. Das Schweigen der Toten. Mit meinem eigenen Blut störte ich ihre Ruhe, und nun bin ich selbst ruhelos und für immer verloren im Reich zwischen Dämmerung und Schatten.

Fiora trug ein rotes Kleid.

Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie am Tresen einer Bar auf der Plaza de la Merced in Málaga und blickte mich über ein Glas Rotwein hinweg an. Heute weiß ich, dass sie mich von Anfang an auserkoren hatte. Sie war schon immer mein blutroter Schatten gewesen, lange bevor ich sie kennenlernte. Heute weiß ich auch, dass alle meine Schatten blutrot sind und mich für immer begleiten werden wie ein eiskalter Feuerhauch.

Auch Fiora wird immer da sein. Am Tag und in schlaflosen Nächten. In schlaflosen Ewigkeiten wird sie mir ihren Geist einhauchen, der über den Wassern schwebt wie der Wind des Meeres, der in Málaga mit seinem salzigen Atem über die Fische streift.

Wir redeten kurz miteinander. Über belanglose Dinge. Ihr Blick sprach zu mir. Ihre schwarzen Augen in dem schneeweißen Gesicht, das aussah, als wäre es vollkommen blutleer. Eingerahmt von ihrem fließenden schwarzen Haar zog sie mich in ihren Bann. Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich alles für sie tun würde.

Wir gingen in ein Hotelzimmer. Ihre Haut war weich. Weiß und kühl. Sie schmeckte salzig. Die Nacht war heiß, die Glut des vergangenen Tages lag noch in der Luft, während wir uns liebten. Ihre Fingernägel bohrten sich in mein Fleisch, während ihre Schenkel mich gefangen hielten. Es war, als würden kleine Splitter aus Eis in meine Haut eindringen. Trotzdem war es ein berauschender Liebesakt. Ihre Arme, ihr Haar und ihr Stöhnen umfingen mich wie ein Fischernetz. Ich fühlte mich gleichermaßen verloren und geborgen. Ihre heißfeuchte Weiblichkeit hielt mich umklammert. Ihre Venuslippen zogen mich in ihren Körper, ergriffen von mir Besitz und schienen mich verschlingen zu wollen. Ich verlor mich in meiner Leidenschaft, und erst viel später – zu spät – erkannte ich, dass sie nicht atmete, als sie kam.

Wir tränkten die Laken mit unserer lustvollen Gier. Dann versetzte Fiora mich in einen rauschhaften Schlaf. Mir schwanden die Sinne, während ich noch spürte, wie sie mir einige Worte zuhauchte.

Heute erzittere ich, wenn ich an ihre eiskalte Stimme denke und an das, was sie zu mir sagte.

 

Als ich erwachte, war sie weg. Ich war nackt und fühlte mich erschöpft. Ich hatte nur wenig Schlaf gefunden. Draußen wurde es gerade Morgen. Die Sonne stand über dem Horizont und legte die Bucht vor dem Hotel in ein Zwielicht aus Nacht und Tag, das nichts von dem freundlichen Licht des Südens an sich hatte. Die Luft war kühl, es wehte ein leichter Wind. Ich trat auf den Balkon und atmete durch. Der Atem brachte mir keine Erfrischung. Ich kehrte ins Zimmer zurück, um mir starken schwarzen Kaffee zu bestellen.

Fiora hatte mir eine Nachricht hinterlassen: Mi sangre es dentro de ti. – Mein Blut ist in dir.

Darunter stand eine Adresse in Málaga. Und ein Name: Arturo.

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten


Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

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*** Gruselgeschichten ***

03
Jan
10

Gruselgeschichte – Der Seelenfänger

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Der Seelenfänger

© Carmen Rodrigues

„Tu es!“, hatte es geflüstert. Ganz leise und doch, als befände es sich direkt neben seinem Ohr. „Du weißt, es muss sein. Ich brauche das Leben und ich brauche dich, es mir zu bringen.“ Fordernd erhob sich in seinem Kopf das alljährliche Szenario, welches er so sehr fürchtete. „Geh nun und erfülle deinen Teil der Abmachung. Du weißt, was du verlierst, wenn du versagst!“

Thomas von Lahnstein weinte lautlos ob des Schreckens, der vor ihm lag. Schweigend packte er seine kleine lederne Tasche. Als er nach draußen trat, ließ er den liebevollen und gutmütigen Thomas von Lahnstein zurück und schlüpfte in die Rolle, die seine gemarterte Seele ihm zugedacht hatte für diese einsamen Nächte voller unsagbarem Grauen.

In der eiskalten Dezemberluft lag sie vor ihm: Elisabetha. Wunderschöne, zarte Elisabetha! Ihre bloßen Brüste stachen spitz nach oben in die klirrende Kälte. Ihr schwarzes Haar bedeckte das obere Ende des Holztisches wie eine seidene Tischdecke. Ihr Gesicht war blass, ihre dunklen Augen sahen ihn ausdruckslos an, die vollen roten Lippen waren fest verschlossen. Ihre Haut schimmerte im fahlen Mondlicht wie Perlmutt und nur der Schatten seiner massigen Statur bedeckte ihre entblößte Scham. Ihre schlanken Beine hatte er leicht gespreizt, sodass er besser arbeiten konnte.

Präzise traf er den kleinen Punkt unterhalb ihres Bauchnabels und stach sein Skalpell tief in ihren Körper. Dies war sie, die Stelle, an der die weibliche Seele saß, ihre Liebe glühte und ihre heimliche, fraulich sanfte Macht sich entfaltete. Hier verschmolz die Leidenschaft des Seins zu neuem Leben, hier wurden die tiefsten Sehnsüchte und Wünsche einer Frau versteckt. Genau hier musste er schneiden, er musste all diese Lust und all dieses lebendige Gefühl einfangen, so musste es sein! Dunkles Blut quoll hervor und seine Hand schien in einem purpurnen Strom zu schwimmen, als er den Schnitt ausführte. Sauber und gerade trennte er die Bauchdecke in zwei Teile und hielt kurz unterhalb des Brustansatzes inne.

Die Frauen des kleinen Dorfes kannten den jungen Arzt schon lange und hatten großes Vertrauen zu ihm. Oft schon hatten sie ihn hinter vorgehaltener Hand und mit erröteten Wangen um Hilfe gegen ihre monatlichen Frauenleiden gebeten. Verschämt, aber dankbar hatten sie das Gebräu aus Frauenmantel, Baldrian und Lavendeltropfen entgegengenommen, erleichterte es ihnen doch ihre harte Arbeit auf den Feldern sehr.

Heute, so wie an jedem verfluchten Dezembertag in den Jahren zuvor hatte Thomas dem Heiltrank ein wenig Alraune und schwarzes Bilsenkraut beigemengt. Voller Vertrauen und Hoffnung auf Linderung hatte Elisabetha die Mixtur in einem Zuge getrunken. So konnte sie jetzt nicht das Geringste spüren von dem, was er tat. Keine Regung ihres schlanken Körpers, nicht einmal ein leises Zittern. Nur das stumme, ungläubige Entsetzen in ihren Augen zeugte davon, dass ihr Geist sehr wohl mitbekam, was vor sich ging. Ihr Blick schien um Gnade zu flehen. Ihre lautlose Bitte um Erlösung bohrte sich tief in seine Seele und schien ihn zwingen zu wollen, ihr endlich Frieden zu schenken. Aber es war noch nicht vorbei. Sterben durfte sie erst, wenn er sein Werk vollendet hatte, denn er brauchte ihr Blut frisch und unverdorben, das Leben musste noch darin pulsieren!

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

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Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

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*** Gruselgeschichten ***

02
Jan
10

Gruselgeschichte – Gottes kalte Gabe

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Gottes kalte Gabe

© Karin Reddemann

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.

Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. „Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch.“ Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlosen Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: „Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde.“

Die Mittagssonne verbrannte mir an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen. Ich fühlte mich einmal mehr wie ein plumpes Etwas, das durch den Sommer stolperte und hinfiel und wieder aufstand, um Tante Eddi pusten und streicheln zu lassen. Eine Dreizehnjährige, der die triefende Nase noch geputzt werden musste. Fast trotzig, ließ es mir gern gefallen, tröstete mich damit, erwachsen werden zu können, wenn ich erst einmal vernünftige Brüste haben und bluten würde. Der Hund schützte meinen weißen Bauch, der weich und viel zu kuschelig war, um ihn nicht hassen zu müssen. Er war heiß von Tinkas Körperwärme, ihr goldbraunes langes Fell saugte sich fest an meiner Haut, aber ich ertrug es und liebte sie für ihre kehligen Seufzer, denn sie war dick wie ich. Tinka hatte sich auf mich gequetscht, schnarchte und knurrte im Schlaf, während ihre Pfoten strampelten, als würde sie ihre hoffnungsvollen Tagträume jagen und erwischen, um sie glücklich zu zerbeißen. Tante Eddi, die sich auf ihr letztes Sauerfest in Humperdinks Scheune freute, schimpfte zärtlich und verlangte von mir, in den Schatten zu gehen. Ich blieb auf ihrer geblümten Liege, ohne mich zu rühren, zog an meinem Strohhalm und pustete Luft in das Glas, ließ Bläschen steigen und zerstach sie mit meinem rechten kleinen Fingernagel, weil er mein schönster war. Ein langer rot lackierter Nagel, die anderen kaute ich weg. Tante Eddis selbstgemachte Limonade war süß und dickflüssig wie Beerenauslese, die ich viele Jahre später schmeckte, um mich zu entschließen, sie nie wieder trinken zu wollen. Weil sie an meinen Eingeweiden nagte wie die Erinnerung an Theresa, die mich in diesem Sommer 1983 allerbeste Freundin nannte. Die auf dem Grabstein ihrer Eltern Pirouetten drehte und Schmetterlingen die Flügel herausriss, um sie zu schlucken wie die Erde auf ihrer eigenen Gruft. Ich sehe mich dort stehen in meinen verwaschenen Shorts, ich trage rote Sandalen, in denen sich winzige Steinchen verirren, und meine Hände greifen nach meinen Zopfenden, um sie zu kneten. Meine Augen sind grün, die gelben Sprenkel darin, die ich von Großvater Konrad habe, tanzen nicht. Ich höre mich flüstern, leise genug, um keinen zu wecken: „Warum tust Du das?“ Und wieder und wieder summt sie ihr Lied, hebt den langen gerüschten Rock, wippt mit den Füßen, die in schwarzen Schnürschuhen stecken, wiegt sich und lacht. Zupft an den honigblonden Locken, breitet die Arme aus, immer wieder macht sie das, wirft mir Luftküsse zu, sagt: „Gottes Gabe.“

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Karin Reddeman
Gottes kalte Gabe

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Pressestimmen:

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. Ist die eine Erzählung zu Ende, lechzt man nach der nächsten. … „Gottes kalte Gabe“ … Ein trefflicher Titel für einen Reigen mystischer, düsterer und melancholischer, immer hochliterarischer Geschichten. Karin Reddemann … entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

… mit so scharfem Blick und so wortmächtig, dass man sich dem Sog kaum entziehen kann. Die von Karin Reddemann sehr geschätzte Elke Heidenreich würde wohl lapidar empfehlen: „Lesen.“
Saarbrücker Zeitung

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*** Gruselgeschichten ***

01
Jan
10

Gruselgeschichte – Nachsitzen

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Nachsitzen

© Christian Poignée

Das Eichhörnchen hatte es bis an das Ende des Astes geschafft. Der Ast bog sich unter seinem Gewicht und wackelte im Wind hin und her. Er konnte förmlich sehen, wie es sich konzentrierte und den Ast des anderen Baumes fixierte. Es waren gut zwei Meter, die es zu überwinden galt. Das Eichhörnchen verlagerte sein Gewicht auf die Hinterbeine, beugte sich vor und …

Klatsch!

Carl schrie auf. Der Rohrstock war mit voller Wucht auf seinen linken Handrücken geknallt. Er fuhr herum und sah in das zornige Gesicht von Mrs. Whimmer. Der Stock wedelte vor seinem Gesicht hin und her. „Wieder einmal am Träumen?“, fragte sie. „Wann wirst du es endlich lernen, dass man in meinem Unterricht nicht verträumt aus dem Fenster zu starren hat? Du bist hier um etwas zu lernen. Und wenn ich es in dich hineinprügeln muss, dann ist das eben so. Aber bei Gott und seinem Sohn Jesus Christus, du wirst es lernen. Und damit ich auch ganz sicher gehen kann, wirst du heute eine Stunde nachsitzen!“

„Eine Stunde?“, entfuhr es Carl.

Wieder hob sich der Rohrstock bedrohlich in die Höhe. „Eine Stunde sagte ich“, zischte Mrs. Whimmer. „Aber wir können es auch gerne auf zwei Stunden erhöhen, wenn du möchtest.“ Sie sah ihn herausfordernd an, doch Carl schüttelte nur den Kopf und starrte auf seinen Tisch hinunter. „Gut. Das wäre dann ja geklärt!“ Sie wandte sich um und ging zurück zur Tafel.

„Eine ganze Stunde!“, dachte Carl. „Und das heute!“ Er hatte doch gleich nach der Schule auf den Fußballplatz gewollt. Ohne ihn würde seine Mannschaft im Revanchespiel gegen die Nachbarklasse bestimmt untergehen. Er schluckte. Alles nur wegen diesem dummen Eichhörnchen! Vorsichtig fuhr er sich mit der rechten Hand über die linke. Dort, wo ihn der Stock erwischt hatte, zeichnete sich ein dunkelroter Strich ab. Die Hand brannte und nur mit Mühe schaffte es Carl, nicht zu weinen. Diesen Triumph wollte er Mrs. Whimmer nicht gönnen. Schlimm genug, dass sie ihn erwischt hatte, aber bestimmt würde er nicht wie ein Mädchen heulen.

Mittlerweile hatte Mrs. Whimmer ein altes, speckiges Schulbuch in die Hand genommen und las der Klasse daraus vor. Der Schmerz in Carls Hand wollte einfach nicht abflauen. So sehr er sie auch massierte, der rote Strich wurde nur noch dunkler und das Pochen von Minute zu Minute schlimmer.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Gong ertönte und die Stunde beendet war. Der Klassenraum leerte sich schnell, und bald waren nur noch Mrs. Whimmer und Carl da.

Bei jedem anderen Lehrer hätte Carl die Hoffnung gehabt, dass nach fünf Minuten der Satz käme: „Das soll dir eine Lehre sein. Wir werden heute noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Beim nächsten Mal wirst du wirklich nachsitzen, aber jetzt sieh zu, dass du deine Sachen einpackst und verschwindest.“ Die meisten Lehrer hatten Besseres vor, als einem unaufmerksamen Schüler den Nachmittag zu verderben. Nicht aber Mrs. Whimmer.

Die Lehrerin baute sich vor Carl auf und sah auf ihn herunter. Nur wenn die Schüler saßen, war ihr das möglich, denn sie war sehr klein, höchstens einen Meter fünfzig. Der Rohrstock bewegte sich hin und her. Ein Metronom der Schmerzen, ein Pendel der Qual. Carl versuchte, sich auf Mrs. Whimmers Gesicht zu konzentrieren, aber sein Blick glitt immer wieder zu dem Rohrstock und folgte seinen Bewegungen.

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten


Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

Hervorragend geeignet zum Vorlesen auf einer Halloween-Party.

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*** Gruselgeschichten ***

30
Dez
09

Gruselgeschichte – Ein Erbstück

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Ein Erbstück

© Claudia Sperlich

Die Ladung zur Testamentseröffnung kam nicht nur für mich äußerst überraschend. Weder die Existenz noch der Tod dieses Cousins ich weiß nicht wievielten Grades waren mir zu Ohren gekommen. Niemand hatte eine Ahnung, warum er gerade mich bedacht hatte. Man traf sich in der großzügigen Altbauwohnung des Verstorbenen. Ich erfuhr, dass er hier vor vier Wochen von seiner Zugehfrau gefunden worden war – noch warm und rosig in seinem besten Maßanzug auf dem Sofa liegend und in einen leichten Duft von Bittermandel gehüllt.

Jahrzehntelang hatte der eigenbrötlerische Junggeselle weder seine Eltern noch seine zahlreichen Brüder und Schwestern sehen wollen. Telefonisch oder elektronisch war er nicht erreichbar gewesen. Die Wohnung wirkte wie ein großbürgerliches Relikt aus dem späten 19. Jahrhundert. Der Gasherd war ein Sammlerstück des fin-de-siècle, ebenso die porzellanenen Armaturen im Bad, wo sich neben einem Döschen Alaun ein Rasiermesser fand. Der Schreibtisch enthielt eine Sammlung von Stahlfedern, verschiedene Tintenfässer und mehrere Stapel Büttenpapier. Ich begriff die Logik des letzteren: Es hatte in der Zeit, in die mein Cousin sich versetzt hatte, kein säurefreies Holzpapier gegeben, und um vergilbende und bröckelnde Dokumente zu vermeiden, hatte er tief in die Tasche gegriffen. Nicht einmal der übliche Plastikmüll war zu sehen; er musste Derartiges sofort im Mülleimer auf dem Hof entsorgt haben. Die unvermeidlichen Moderna – Versicherungsverträge, Steuerpapiere und dergleichen – hatte er in die unterste Schublade einer Kommode gepfercht.

Die zahlreichen Bücherborde enthielten allem Anschein nach nichts, was nach 1910 entstanden war; sie wirkten wie ein teures Antiquariat.

Der Notar, ein graues, schmallippiges Männlein mit spitzem Kinn, kam ohne Vorrede zur Sache. Die Eltern erbten ein beträchtliches Vermögen (umflortes Nicken), der älteste Bruder die Wohnung und alles, was darin war (melancholisches Lächeln), die übrigen Geschwister je tausend Euro (enttäuschte und zornige Mienen). Dies alles war in knappen, sachlichen Worten ausgedrückt.

Die peinliche Pause wurde vom Notar unterbrochen: „Meiner Cousine Mina Weishaupt überlasse ich den Füllfederhalter von 1896. Ich habe Minas Bücher mit großer Freude gelesen und hoffe, dass sie mit diesem Werkzeug noch viele unterhaltende Geschichten schreibt“ (allgemeines spöttisches Lächeln).

Der Notar räusperte sich und schloss: „Unterschrift: Ildefons Messner, Hamburg-Altstadt, den 5. Januar 2008.“ – Das Testament war eine Woche vor dem Tod verfasst worden.

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

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*** Gruselgeschichten ***

29
Dez
09

Gruselgeschichte – Le stylo de la mort

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Le stylo de la mort

© Thomas Sedlmeyr

Es ist der 1. September 1870. Um Sedan kommt es zu schweren Kämpfen zwischen der französischen Armee unter Führung des Kaisers Napoleon III. und den deutschen Heeresverbänden unter dem Oberbefehl Graf Moltkes.

Leutnant Lefort inspizierte die linke Flanke. Die Lage war schlimmer, als er gedacht hatte: Eine Mörserbatterie des Feindes hackte Loch um Loch in die Reihen der Infanterie. Lefort vermochte zu spüren, wie das Entsetzen dort mit jeder neuen Lücke wuchs. Wenn der Feind diese mörderische Feuerrate aufrecht erhielt, würde die Moral binnen kürzester Zeit brechen. Nur ein Kavallerieangriff konnte das feindliche Feuer eindämmen und die Männer im letzten Augenblick dem Klammergriff des Todes entreißen. Er musste dem General unverzüglich Bericht erstatten! Entschlossen riss er den Zügel herum. Sein treues Ross wieherte auf, Schaum troff aus seinem Maul. Zur Rechten explodierte eine Granate. Erdreich wurde in die Luft geschleudert und prasselte auf Ross und Reiter herab. Lefort fluchte laut. Einige Soldaten rannten mit aufgepflanztem Bajonett an ihm vorbei, es waren die Seinigen, trotz des dichten, beißenden Pulverdampfs erkannte er die Uniformen. Eine Salve ertönte, Schmerzensschreie, dann erneut das Donnern der Batterie. Er konnte nun fast nichts mehr sehen. Verzweifelt versuchte er die Schwaden zu durchdringen, schrie die Parole in den stinkenden Nebel. Verdammt, er musste den Kommandostand erreichen! Die linke Flanke, wie lange würde sie sich halten können? Wie lange hielt der Mut eines Mannes, dessen Kameraden neben ihm einer nach dem anderen in Stücke gerissen wurden?

Er musste sich ungefähr in der Mitte der Schlachtreihe befinden. Die Mündungen der Eisenrohre spuckten ihre tödliche Ladung im Sekundentakt und das Knattern der Gewehrsalven wurde nur unterbrochen von den mächtigeren, dumpfen Explosionen der Kanonen. Endlich glaubte er den Hügel zu erkennen, als ihn ein Schlag fast aus dem Sattel hob. Die Kugel durchschlug seinen Hüftknochen, zerfetzte die Eingeweide. Schmerz setzte seinen Unterleib in Brand. In feurigen Wellen stieg er empor und presste ihm den Schweiß aus allen Poren. Lefort keuchte, seine Augen traten weit hervor. Dann sackte der schwere Körper des Leutnants im Sattel zusammen. Das Pferd schien ebenfalls getroffen. Es machte einen weiten Satz nach vorne und galoppierte blind drauflos. Mit letzter Kraft suchte der junge Soldat sich zu halten. Sein Stiefel tastete vergebens nach der Sattelschlaufe, seine Hand fuhr über den Kopf des Tieres, über nasse Haut und gespannte Sehnen, krallte sich in die Mähne. Er roch das Fell des Pferdes, spürte seine Wärme und seinen Pulsschlag.

Nach einer Weile wurde das Pferd langsamer und blieb schließlich ganz stehen. Müde hob Lefort den Kopf. Sie befanden sich an einer abgelegenen Stelle des Schlachtfeldes. Der Pulverdampf war hier weniger dicht, hing in kleinen Wolken über zerstapftem Gras und brennenden Büschen. Gierig sog der Leutnant die frische Luft in seine Lungen und versuchte sich aufzurichten. Ein stechender Schmerz warf ihn zurück. In hilfloser Wut über seinen zerschundenen Körper wollte er aufschreien, doch etwas hielt ihn zurück. Er war nicht alleine …

Nur wenige Meter vor ihm, umgeben von wogenden Schwaden, saß eine Gestalt an einem kleinen hölzernen Pult. Sie trug eine schwarze Mönchskutte, das Gesicht war unter einer schweren Kapuze verborgen. Gebeugt über einen Stapel Pergament kritzelte das Männlein vor sich hin.

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Gruselgeschichten

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28
Dez
09

Gruselgeschichte – Atemlos

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Atemlos

© Karin Reddemann

Am 22. September 2002 gegen 03.45 Uhr wurde ich von den Ruhelosen geweckt. Es war, als würde jemand lautlos in mein Gesicht husten, das warm und feucht von Speicheltropfen war, die auf meiner Stirn und meinen Wangen perlten und die der Glaube meiner furchtsamen Ahnen hätte verbieten müssen. Ein Glaube, der nicht wirklich meiner war, weil das blütenweiße Hemd und das silberne Kreuz an der filigranen Kette mich längst schon Heuchlerin nannten. Die Tropfen stiegen mir in die Nase, wie damals, als Großmutter Sauerland in die bestickten Taschentücher spuckte, um mir den Mund abzuwischen, und wie damals hielt ich die Luft an, um den Geruch nicht schmecken zu müssen. Er widerte mich an wie nasse Blumenerde, die seit Wochen im Topf schwappt, um winzige weiße Würmer zu zaubern, die mich würgen lassen. Ich höre sie krabbeln, pumpe Sauerstoff, den ich wie Galle schlucke, möchte sie töten, kann nichts dafür. Ich war allein in dieser Nacht und vermisste keinen flüchtigen Besucher, der sich in mir amüsiert, um mir gönnerhaft seinen Schweiß zu schenken. Der Hund träumte im Flur auf den kühlen Fliesen, über die er im Schlaf seine Pfoten schlittern ließ, schnappte nach taubengroßen Fliegen und fraß sie. Ich gönnte ihm, der Held zu sein, der er nicht war.

Von den Ruhelosen hatte ich gehört, wollte das alles gar nicht wissen. Aber das Datum mit der genauen Uhrzeit habe ich mir notiert, weil ich nicht vergessen wollte, wie es war, als sie kamen. Tatsächlich hatte es sich in meinem Gehirn eingebrannt wie die Telefonnummer eines alten Freundes, die man noch auf dem Totenbett mit verfaulter Zunge stammelt. 2209020345. Kein wirkliches Gottvergibmir. Nur eine Zahlenfolge. Der Priester, den sie gerufen haben, damit ich mich nicht verlaufe, lässt mich brabbeln, fährt mit tröstenden Fingern mechanisch über meine Halbglatze, über einen Kopf wie in kochendem Wasser gebadet. Eine nutzlose, verschrumpelte Kugel, hinter deren mit dickem Gold durchstochenen Ohren vor hundert Jahren lange dunkle Haarsträhnen steckten und auf die Schultern fielen, weil ich eitel und gierig war. Schön wohl auch. Sagten sie. Ich sehe mich alt und eingefallen, sehe, wie der Tod nach mir leckt, lausche, wie mein lausig kleines Herz nach dem Rhythmus der Sonne schreit, die ihn nicht mehr teilen will. Mein Mund ist geöffnet, breit, zu weit, um noch klug wirken zu können, und hinter den Lappen, die wie gekräuselter Rocksaum aussehen, sucht eine gelbe Zunge nach Zähnen, eine totgelbe Zunge, die ich rosarot in Erinnerung habe. Mein muffiger Atem quält sich bis in den Magen des Priesters durch, er lächelt tapfer, der Ekel ist ihm vertraut, diesem schwanzlosen blutleeren Mann, der sich jetzt über mich beugt wie so viele andere zuvor, irgendwann vor Urzeiten, als meine schwarzen Augen noch stachen und meine Lippen Süßigkeiten versprachen. Das Gönnerhafte ist mir fremd, ich hasse ihn und lasse ihn boshaft an verdorbenen Innereien schnuppern, die ich ihm, dem flüsternden Gelackten, in die alles verzeihende blasierte Visage puste. Die letzten Züge, das weiß er vermutlich, riechen immer gleich, immer übel, so gottverflucht übel, obwohl doch die Hölle immer noch vergeblich nach Dir krächzen soll, und er wird mit Johannes sprechen, während er nach Luft schnappt: „Ich lebe. Und Ihr sollt auch leben.“

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Karin Reddeman
Gottes kalte Gabe

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Pressestimmen:

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. Ist die eine Erzählung zu Ende, lechzt man nach der nächsten. … „Gottes kalte Gabe“ … Ein trefflicher Titel für einen Reigen mystischer, düsterer und melancholischer, immer hochliterarischer Geschichten. Karin Reddemann … entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

… mit so scharfem Blick und so wortmächtig, dass man sich dem Sog kaum entziehen kann. Die von Karin Reddemann sehr geschätzte Elke Heidenreich würde wohl lapidar empfehlen: „Lesen.“
Saarbrücker Zeitung

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