Einträge tagged ‘Gruseln

01
Jan
10

Gruselgeschichte – Nachsitzen

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Nachsitzen

© Christian Poignée

Das Eichhörnchen hatte es bis an das Ende des Astes geschafft. Der Ast bog sich unter seinem Gewicht und wackelte im Wind hin und her. Er konnte förmlich sehen, wie es sich konzentrierte und den Ast des anderen Baumes fixierte. Es waren gut zwei Meter, die es zu überwinden galt. Das Eichhörnchen verlagerte sein Gewicht auf die Hinterbeine, beugte sich vor und …

Klatsch!

Carl schrie auf. Der Rohrstock war mit voller Wucht auf seinen linken Handrücken geknallt. Er fuhr herum und sah in das zornige Gesicht von Mrs. Whimmer. Der Stock wedelte vor seinem Gesicht hin und her. „Wieder einmal am Träumen?“, fragte sie. „Wann wirst du es endlich lernen, dass man in meinem Unterricht nicht verträumt aus dem Fenster zu starren hat? Du bist hier um etwas zu lernen. Und wenn ich es in dich hineinprügeln muss, dann ist das eben so. Aber bei Gott und seinem Sohn Jesus Christus, du wirst es lernen. Und damit ich auch ganz sicher gehen kann, wirst du heute eine Stunde nachsitzen!“

„Eine Stunde?“, entfuhr es Carl.

Wieder hob sich der Rohrstock bedrohlich in die Höhe. „Eine Stunde sagte ich“, zischte Mrs. Whimmer. „Aber wir können es auch gerne auf zwei Stunden erhöhen, wenn du möchtest.“ Sie sah ihn herausfordernd an, doch Carl schüttelte nur den Kopf und starrte auf seinen Tisch hinunter. „Gut. Das wäre dann ja geklärt!“ Sie wandte sich um und ging zurück zur Tafel.

„Eine ganze Stunde!“, dachte Carl. „Und das heute!“ Er hatte doch gleich nach der Schule auf den Fußballplatz gewollt. Ohne ihn würde seine Mannschaft im Revanchespiel gegen die Nachbarklasse bestimmt untergehen. Er schluckte. Alles nur wegen diesem dummen Eichhörnchen! Vorsichtig fuhr er sich mit der rechten Hand über die linke. Dort, wo ihn der Stock erwischt hatte, zeichnete sich ein dunkelroter Strich ab. Die Hand brannte und nur mit Mühe schaffte es Carl, nicht zu weinen. Diesen Triumph wollte er Mrs. Whimmer nicht gönnen. Schlimm genug, dass sie ihn erwischt hatte, aber bestimmt würde er nicht wie ein Mädchen heulen.

Mittlerweile hatte Mrs. Whimmer ein altes, speckiges Schulbuch in die Hand genommen und las der Klasse daraus vor. Der Schmerz in Carls Hand wollte einfach nicht abflauen. So sehr er sie auch massierte, der rote Strich wurde nur noch dunkler und das Pochen von Minute zu Minute schlimmer.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Gong ertönte und die Stunde beendet war. Der Klassenraum leerte sich schnell, und bald waren nur noch Mrs. Whimmer und Carl da.

Bei jedem anderen Lehrer hätte Carl die Hoffnung gehabt, dass nach fünf Minuten der Satz käme: „Das soll dir eine Lehre sein. Wir werden heute noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Beim nächsten Mal wirst du wirklich nachsitzen, aber jetzt sieh zu, dass du deine Sachen einpackst und verschwindest.“ Die meisten Lehrer hatten Besseres vor, als einem unaufmerksamen Schüler den Nachmittag zu verderben. Nicht aber Mrs. Whimmer.

Die Lehrerin baute sich vor Carl auf und sah auf ihn herunter. Nur wenn die Schüler saßen, war ihr das möglich, denn sie war sehr klein, höchstens einen Meter fünfzig. Der Rohrstock bewegte sich hin und her. Ein Metronom der Schmerzen, ein Pendel der Qual. Carl versuchte, sich auf Mrs. Whimmers Gesicht zu konzentrieren, aber sein Blick glitt immer wieder zu dem Rohrstock und folgte seinen Bewegungen.

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

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Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

Hervorragend geeignet zum Vorlesen auf einer Halloween-Party.

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*** Gruselgeschichten ***

27
Dez
09

Gruselgeschichte – Nebelmond

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Nebelmond

© Barbara Naziri

Bremsen kreischen. Ein ohrenbetäubender Knall. Glas splittert. Etwas Dunkles wirbelt durch die Luft und bohrt sich in die feuchte Erde. Eine feine Rauchfahne steigt empor. Stille. Nur der Nebelmond wirft einen Blick auf das Geschehen. Sein Schein streift verstreut herumliegende Trümmer. Ein Lichtstrahl fällt auf einen tiefschwarz glänzenden Füllfederhalter, dessen Kappe jäh aufblitzt. Dann gewinnt die Finsternis Raum.

Grau ziehen Nebelschwaden über das Wendland und verdichten sich immer mehr. Nirgendwo ist eine Menschenseele zu sehen. Die Zeit scheint in dieser Nacht stillzustehen. Der Gedanke an Laura bereitet mir Unbehagen. Nie zuvor habe ich sie so zornig erlebt wie heute. Ihre haltlosen Anschuldigungen haben mich tief verletzt.

Die Sicht wird immer schlechter. Mühsam brennen die Nebelscheinwerfer zwei schwache Strahlen in die undurchdringliche Wattewand. Die Landschaft ist nur zu erahnen und gleitet an mir vorüber. Unheimlich wie die Schattenwelt. Es ist mir, als fahre ich durch eine ferne Galaxis. Dabei bin ich nur auf der Heimfahrt. Zurück an die Nordsee. Schemenhaft tauchen Bäume aus dem Nichts auf, schweben wie dunkle Geister an mir vorüber, als wären sie ihrer Wurzeln beraubt, um dann von der Finsternis wieder verschlungen zu werden. Ihre Zweige scheinen wie unzählige Arme nach mir zu greifen. Ich muss mich beherrschen, um das Gaspedal nicht durchzutreten. In mir ist ein Gefühl, als zöge mich jemand in ein bodenloses Loch. Ich schlucke, aber der Kloß in der Kehle will nicht weichen.

Ich umklammere das Lenkrad in meinen Händen. Die Innenflächen werden feucht und die Knöchel treten durch die Anspannung weiß hervor. Ich sehne mich nach Entspannung. Ach, eine kurze Pause täte jetzt gut! Auf einem der abgelegenen Rastplätze, die nicht mal beleuchtet sind? Wer weiß, was dort im Verborgenen auf mich lauert! Ich fühle mich ausgestoßen und wünsche mich zurück in die lebendige Welt, die sich irgendwo hinter diesen wallenden Schleiern verbirgt. Jeder Busch, jeder Stein dort draußen in der zähen Suppe scheint mir allein. Es ist, als halte alles Leben den Atem an. Unwillkürlich muss ich über meine Gedanken lächeln. So viel Schiss vor ein bisschen Nebel! Ich versuche mich zu entspannen, strecke meine Glieder hinter dem Lenkrad so gut es eben geht. Mitternacht ist längst vorüber. Müdigkeit und Kälte kriechen in mir hoch und ich schalte die Heizung höher.

Wie zwei grimmige Augen leuchten jäh die Rücklichter eines Wagens vor mir auf. Abrupt trete ich auf die Bremse. Ein Stau, der sich wie eine rotäugige Schlange durch die wabernde Dunkelheit zieht. Ich sende einen Stoßseufzer zum Himmel. Selten hat sich wohl jemand so über einen Stau gefreut wie ich. Endlich Gesellschaft! Ich schalte die Warnblinklichter an. Schrill dringen Sirenen durch die Nacht und grelles Blaulicht blendet meine müden Augen. Irgendwo da vorne hat es einen Unfall gegeben.

Wie in Zeitlupe wälzt sich die Autokolonne voran. Schritt für Schritt. Am Straßenrand steht ein mächtiger Baum, dessen Stamm stark beschädigt ist. Glassplitter glitzern im kalten Licht der Scheinwerfer. In Fetzen hängt die Rinde an der großen Baumwunde herunter. Auf dem Boden liegt eine verkrümmte Stoßstange. Dann bemerke ich den Wagen. Er ist nach dem Aufprall in den Straßengraben gestürzt. Dort liegt er – wie ein zerbrochenes Spielzeug. Seine Räder sind zum Himmel gerichtet. „Wie ein Maikäfer auf dem Rücken“, schießt es mir durch den Kopf. Die Helfer, die im milchigen Licht mit der Rettung der Opfer beschäftigt sind, wirken gespenstisch. Ich wende mich ab. Mehr kann und will ich nicht erkennen.

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Gruselgeschichten

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