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02
Jan
10

Gruselgeschichte – Gottes kalte Gabe

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Gottes kalte Gabe

© Karin Reddemann

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.

Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. “Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch.” Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlosen Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: “Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde.”

Die Mittagssonne verbrannte mir an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen. Ich fühlte mich einmal mehr wie ein plumpes Etwas, das durch den Sommer stolperte und hinfiel und wieder aufstand, um Tante Eddi pusten und streicheln zu lassen. Eine Dreizehnjährige, der die triefende Nase noch geputzt werden musste. Fast trotzig, ließ es mir gern gefallen, tröstete mich damit, erwachsen werden zu können, wenn ich erst einmal vernünftige Brüste haben und bluten würde. Der Hund schützte meinen weißen Bauch, der weich und viel zu kuschelig war, um ihn nicht hassen zu müssen. Er war heiß von Tinkas Körperwärme, ihr goldbraunes langes Fell saugte sich fest an meiner Haut, aber ich ertrug es und liebte sie für ihre kehligen Seufzer, denn sie war dick wie ich. Tinka hatte sich auf mich gequetscht, schnarchte und knurrte im Schlaf, während ihre Pfoten strampelten, als würde sie ihre hoffnungsvollen Tagträume jagen und erwischen, um sie glücklich zu zerbeißen. Tante Eddi, die sich auf ihr letztes Sauerfest in Humperdinks Scheune freute, schimpfte zärtlich und verlangte von mir, in den Schatten zu gehen. Ich blieb auf ihrer geblümten Liege, ohne mich zu rühren, zog an meinem Strohhalm und pustete Luft in das Glas, ließ Bläschen steigen und zerstach sie mit meinem rechten kleinen Fingernagel, weil er mein schönster war. Ein langer rot lackierter Nagel, die anderen kaute ich weg. Tante Eddis selbstgemachte Limonade war süß und dickflüssig wie Beerenauslese, die ich viele Jahre später schmeckte, um mich zu entschließen, sie nie wieder trinken zu wollen. Weil sie an meinen Eingeweiden nagte wie die Erinnerung an Theresa, die mich in diesem Sommer 1983 allerbeste Freundin nannte. Die auf dem Grabstein ihrer Eltern Pirouetten drehte und Schmetterlingen die Flügel herausriss, um sie zu schlucken wie die Erde auf ihrer eigenen Gruft. Ich sehe mich dort stehen in meinen verwaschenen Shorts, ich trage rote Sandalen, in denen sich winzige Steinchen verirren, und meine Hände greifen nach meinen Zopfenden, um sie zu kneten. Meine Augen sind grün, die gelben Sprenkel darin, die ich von Großvater Konrad habe, tanzen nicht. Ich höre mich flüstern, leise genug, um keinen zu wecken: “Warum tust Du das?” Und wieder und wieder summt sie ihr Lied, hebt den langen gerüschten Rock, wippt mit den Füßen, die in schwarzen Schnürschuhen stecken, wiegt sich und lacht. Zupft an den honigblonden Locken, breitet die Arme aus, immer wieder macht sie das, wirft mir Luftküsse zu, sagt: “Gottes Gabe.”

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

Karin Reddeman
Gottes kalte Gabe

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Pressestimmen:

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. Ist die eine Erzählung zu Ende, lechzt man nach der nächsten. … “Gottes kalte Gabe” … Ein trefflicher Titel für einen Reigen mystischer, düsterer und melancholischer, immer hochliterarischer Geschichten. Karin Reddemann … entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

… mit so scharfem Blick und so wortmächtig, dass man sich dem Sog kaum entziehen kann. Die von Karin Reddemann sehr geschätzte Elke Heidenreich würde wohl lapidar empfehlen: “Lesen.”
Saarbrücker Zeitung

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