Archiv für Januar 2010

30
Jan
10

Gruselgeschichte Penna mortis

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Penna Mortis

© Thomas Sedlmeyr

Am Anfang hielt ich das Ganze für einen schlechten Scherz. Bestenfalls für eine Metapher. Ich führte dieses Interview, und alles lief wie immer. Erst als ich gehen wollte, packte mich der Typ plötzlich am Arm. Er erzählte mir irgendeinen Voodoo-Schwachsinn, und dann schenkte er mir diesen Füllfederhalter. Einen Original Montblanc Meisterstück Kolbenfüllhalter. In edlem schwarzem Design, mit 24 Karat Goldfeder. Ein schönes Schreibgerät, das ich bereitwillig annahm. Auch wenn es angeblich die Seelen von zweihundert Menschen in sich trug.
Das Interview hatte ich einige Tage vor Weihnachten gehalten.
Seitdem war einiges geschehen. Einige Tage nach Weihnachten war ich mit meinen Nerven am Ende. Ich verließ das Haus nicht mehr, ich aß nicht mehr und trank nur noch Whiskey. Mein gesamter Tagesablauf drehte sich nur noch um den Füllfederhalter. Er lag vor mir auf dem Schreibtisch, aus Sicherheitsgründen hatte ich ihn auf eine Bibel gebettet, die kleine Schreibtischlampe warf ihr spärliches Licht auf ihn und ließ seine schwarze Hülle matt erstrahlen. Ich saß vor ihm, den Kopf auf die Tischplatte gebettet starrte ich ihn an, Stunde um Stunde. Von Zeit zu Zeit sprang ich auf und lief einige Runden durch das Zimmer. Dabei debattierte ich lautstark mit mir selbst. Ich weiß nicht mehr genau, ab wann ich anfing die grünen Schleier zu sehen. Sie umtanzten das Objekt und erweckten es auf gruslige Art zum Leben. Jedes Mal wenn mich der Schlaf übermannte, so schrak ich nach wenigen Minuten empor: Ich hatte das Gefühl, der Federhalter hätte sich tief in mein Herz gebohrt. Gestern Mittag konnte ich nicht mehr, und ich beschloss mich einem guten Freund anzuvertrauen.
Rob kam sofort. Wir hatten uns zuletzt an Weihnachten gesehen, und nachdem ich drei Tage nicht in unserer Stammkneipe aufgetaucht war, hatte er bereits angefangen sich Sorgen zu machen. Letztlich war er davon ausgegangen ich sei krank, verliebt oder plötzlich verreist. Mein Anblick tat wenig dazu ihn zu beruhigen.
„Mann, du siehst ja absolut beschissen aus!“ Seine Begrüßung traf ins Schwarze. Ich war unrasiert, übernächtigt und stank. Es würde nicht 9 einfach werden. Folglich galt es keine Zeit zu verschwenden. „Rob. Rob, gut dass du hier bist. Dieser Füllfederhalter dort … er tötet Menschen!“ Robs Kinnlade hätte nicht tiefer fallen können. Ich sah seine Mundwinkel zucken: ein sicheres Zeichen dafür, dass er nicht wusste ob er mich verprügeln oder lachen sollte. Verzweifelt rang ich um Worte, es kam mir so vor als hätte ich Tinte im Mund, als würde der Füllfederhalter mir die Silben von den Lippen saugen. Ich schluckte schwer, doch der bittere Geschmack blieb. „Rob, ich kann mit diesem Federhalter töten. Ich muss nur den Namen eines Menschen damit niederschreiben, dann stirbt dieser!“
Jetzt grinste Rob. „Ach so. Verstehe. Der Teufel wollte einen Pakt mit dir schließen, du hast unterschrieben, und er hat seinen Kugelschreiber bei dir vergessen. Und seitdem hast du ein schlechtes Gewissen.“
Ich stutzte. Eine durchaus plausible Erklärung. Leider schien Rob sie nicht so zu meinen.
„Es ist mir absolut ernst, Rob. Und es ist ein Füllfederhalter. Ein Füllfederhalter, kein Kugelschreiber.“
Noch ging er davon aus ich wolle ihn veräppeln. Nun ja, er würde bald erkennen, dass dem nicht so war. Der Scherzkeks von uns beiden war immer er gewesen.
„Wie willst du mit einer Feder töten? Die hat Cäsar schon wenig genutzt. Und die moderne Variante des Füllfederhalters ist nicht einmal mehr dazu geeignet, sich nach einem Festmahl die Kehle zu kitzeln und auszukotzen. Mit der Patrone kann man allenfalls Tintenkleckse verursachen. Außer … na klar!“
Ich blickte ihn hoffnungsvoll an.
„Außer du hast so einen beschissenen James Bond Kugelschreiber. Peng, peng!“
Ich sah, wie die grünen Schleier um den Federhalter sich verdichteten. Er schien Robs Humor nicht besonders zu mögen.
„Aber wenn ich es dir doch sage, Rob! Mann, es ist echt kein Scheiß! Ich setz den Namen einer Person auf ein Stück Papier, stell mir das Gesicht dazu vor und …“
„Und die Person fällt tot von ihrem Hocker. Klar. Dein Stift kann töten. Schreibst du jetzt für die Bild, oder was?“ Langsam wurde er gereizt. „Zeig es mir.“
„Wie soll ich es dir denn zeigen, verflucht?!“
„Setz meinen Namen auf das Papier!“
„Einen Teufel wird ich tun! Du bist mein Freund, Rob. Außerdem bringt dir deine Erkenntnis herzlich wenig, wenn du tot bist.“
Verdammt, wie sollte ich Rob beweisen dass ich recht hatte? Nein, das konnte ich nicht tun. Andererseits … Ich hatte ja doch keine Wahl. Rob musste die Wahrheit erfahren. Ich konnte das Geheimnis nicht alleine tragen, nicht ohne den Verstand zu verlieren, und Rob war der einzige, dem ich vertrauen konnte.
Mit diesem Federhalter konnte man sein eigenes Todesurteil unterschreiben und gleichzeitig vollstrecken. Man konnte auch jeden beliebigen anderen Namen aufs Papier setzen. Dies barg natürlich ein moralisches Problem. Allerdings veränderte sich das moralische Empfinden etwas, wenn man gerade seine ganze Familie durch einen Stapel Weihnachtskarten ausgelöscht hatte. Man… man begann die Dinge in einem größeren Zusammenhang zu sehen.
„Lass uns Michel anrufen!“
„Warum willst du Michel anrufen?“
An sich eine berechtigte Frage. Keiner von uns beiden mochte Michel besonders. Wir hatten ihn vor einigen Tagen in einer Bar kennen gelernt, und seitdem ging er uns mit seinen SMS auf die Nerven. Rob zuckte mit den Schultern. „OK, ich ruf ihn dann mal an.“
Es dauerte nur wenige Minuten, dann stand Michel vor der Tür. Angeblich hatte er beruflich in der Gegend zu tun. Für Rob und mich war klar, dass er wieder einmal auf uns gelauert hatte. Seine einzige Beschäftigung schien es zu sein Freunde zu suchen und sie dadurch gleichzeitig zu vergraulen.
Wahrscheinlich sollte ich den Füllfederhalter wie diesen einen Ring ins Feuer werfen. Er war gefährlich. Andererseits … wie viel Gutes man damit bewirken konnte! All die Menschen, die sich auf Kosten anderer und der Umwelt bereicherten. Die tausendfaches Leid und Elend verursachten. Ein Name, ein Gedanke, ein Federstrich … Dieser Füllfederhalter könnte ein flammendes Schwert der Gerechtigkeit werden!
Ich ließ mich nieder und zog einen Bogen weißes Papier hervor. Dann nahm ich den Füllfederhalter und fuhr mir mit der Zunge über die Lippen. Ich konnte Michel nicht in die Augen sehen. „Es tut mir leid, wirklich.“ Mein Flüstern vermischte sich mit dem Kratzen der Feder. Der Federhalter pulsierte warm in meiner Hand. Michel Weimann. Es war vollbracht. Schwer atmend legte ich den Füllfederhalter nieder und blickte auf. Der Faustschlag kam unerwartet und tat sehr weh. Ungläubig rieb ich mir das schmerzende Auge.
Rob packte den verdutzten Michel am Arm und zog ihn aus der Tür. „Komm, lass uns gehen. Ich brauch ein Bier.“
An der Schwelle blieb er noch einmal stehen. „Du hast echt ein Problem. Ein großes Problem.“ Damit hatte er zweifellos recht.
Als Rob weg war setzte ich mich an den Tisch und überlegte. Wieso hatte der Federhalter bei Michel nicht funktioniert? Plötzlich fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Sicher! Es konnte nur daran liegen, dass Michel nicht Michel war. Und wenn Michel nicht Michel war, sondern sich nur Michel nannte, dann war er einer von ihnen. Ein gemeiner Spitzel …
In diesem Moment klingelte es auch schon an der Tür. Sie kamen mich zu holen.
Eine zu enge Jacke und Wände aus Gummi. Ich erwachte wie aus einem Traum. Die Zeitung, die sie mir an diesen Morgen unter der Zellentür hindurchschoben, war die letzte meines Lebens. Die Schlagzeile: „Blutige Weihnacht: Wahnsinniger Journalist tötet Familie.“ Daneben waren über Nacht eine ganze Reihe unbequemer Häupter von nichtstaatlichen Organisationen und ausländischen Staaten verstorben. Mein Lachen erschien mir selbst etwas unheimlich.

***

Eine weitere Füllfederhalter-Gruselgeschichte von Thomas Sedlmayr gibt es in dem Buch

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten


Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

Hervorragend geeignet zum Vorlesen auf einer Halloween-Party.

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*** Gruselgeschichten ***

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05
Jan
10

Gruselgeschichte – Bis in alle Ewigkeit

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Bis in alle Ewigkeit

© Nicole Dallinger

Die düsteren Mythen und Legenden um seinen Heimatort übten bereits in der Zeit, als er noch ein kleiner Junge war, eine große Faszination auf Lukas aus. Vor allem die Geheimnisse um den mysteriösen Füllfederhalter zogen ihn in ihren Bann. Gar manchem soll der Füller Wunscherfüllung, Reichtum und Segen gebracht haben, bevor er ihn ins Verderben stürzte. Diese Geschichten wurden beinahe totgeschwiegen. Nur selten hörte man jemanden davon reden, flüsternd hinter vorgehaltener Hand, oder wenn ein Gläschen zu viel getrunken wurde. Jeder glaubte jemanden zu kennen, der wieder jemanden kannte, der Erlebnisse mit dem rätselhaften Schreibwerkzeug zu erzählen vermochte oder es gar in seinem Besitz hatte.

An besonderen Tagen, wenn Lukas innig darum bat, ließ sein Großvater ihn an den Legenden teilhaben. Stets flüsterte der Großvater und riss während des Erzählens die Augen so weit auf, dass man denken konnte, er habe Angst, wenn das Wort „Füllfederhalter“ über seine Lippen kam. „Das rabenschwarze Schreibwerkzeug mit den geheimnisvollen goldenen Zeichen, die bis heute niemand zu deuten vermag, ist das Werkzeug des Leibhaftigen. Und wer diesem Werkzeug auch nur einmal verfällt, opfert seine Seele dem Teufel.“ Sobald er die Geschichten beendet hatte, fügte er jedes Mal hinzu: „Hüte dich, mein Junge, jemals den Füller zu begehren, hüte dich!“, wobei er Lukas eindringlich, fast drohend in die Augen schaute. Dann pflegte er den Zeigefinger auf seine Lippen zu legen, während er den Blick still zu Boden senkte.

In seinen Kindestagen schrieb Lukas alle Geschichten nieder, die sein Großvater über den Füllfederhalter erzählte. In der alten Dorfbücherei neben der Kirche lieh er Bücher aus, in denen er vereinzelt Hinweise über den Füllhalter fand, die er ebenfalls niederschrieb und aufbewahrte.

Viele Jahre waren seither vergangen und Lukas zählte inzwischen fünfundzwanzig Lenze. Er war zu einem schlaksigen Burschen herangewachsen. Im Dorf ließ er sich nur selten blicken, weshalb er als Eigenbrödler abgestempelt wurde. Sein Gang war mühsam und sein Rücken gekrümmt wie ein alter Stock. Sein Haupt hielt er gesenkt und niemals drehte er es zur Seite. Das fahlblonde, schüttere Haar hing ihm tief in die Stirn, so dass man seine Augen und das eingefallene Gesicht kaum erkennen konnte.

Tief in seinem Herzen trug er einen Wunsch, dessen Erfüllung ihm alles bedeutete. Er hatte sich in die schöne Bäckerstochter Elena verliebt. Sie hatte ein reines Gemüt und sie war ein Abbild göttlicher Vollkommenheit, dessen er sich nicht würdig fand. Noch nie hatte er in ihrer Gegenwart ein Wort über seine Lippen gebracht. Doch begehrte er sie so sehr, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde, um ihre Gunst zu erlangen. In seiner Not fielen ihm die Legenden um den mythenumwobenen Füllfederhalter wieder ein. Er musste das Teufelsgerät in seinen Besitz bringen, damit er sich seinen Herzenswunsch erfüllen konnte.

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

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Kurzbeschreibung
Der Füllfederhalter eines Toten übermittelt eine unheilvolle Botschaft, für perfide Außerirdische erweist sich gewöhnliche Tinte als pures Gift, der Tod persönlich tauscht seine Sense gegen einen Füller, ein Weltkriegsveteran irgendwo in Russland hat schreckliche Schreibwerkzeuge zu verschenken … Spannende Unterhaltung und subtiler Horror mit Gänsehautgarantie.

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04
Jan
10

Gruselgeschichte – Wir sind die Toten der Nacht

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Wir sind die Toten der Nacht

© M. Gregory Pärm

Gott wird mich dafür bestrafen, dass ich das brach, was die Spanier “El silencio de los muertos” nennen. Das Schweigen der Toten. Mit meinem eigenen Blut störte ich ihre Ruhe, und nun bin ich selbst ruhelos und für immer verloren im Reich zwischen Dämmerung und Schatten.

Fiora trug ein rotes Kleid.

Als ich sie zum ersten Mal sah, saß sie am Tresen einer Bar auf der Plaza de la Merced in Málaga und blickte mich über ein Glas Rotwein hinweg an. Heute weiß ich, dass sie mich von Anfang an auserkoren hatte. Sie war schon immer mein blutroter Schatten gewesen, lange bevor ich sie kennenlernte. Heute weiß ich auch, dass alle meine Schatten blutrot sind und mich für immer begleiten werden wie ein eiskalter Feuerhauch.

Auch Fiora wird immer da sein. Am Tag und in schlaflosen Nächten. In schlaflosen Ewigkeiten wird sie mir ihren Geist einhauchen, der über den Wassern schwebt wie der Wind des Meeres, der in Málaga mit seinem salzigen Atem über die Fische streift.

Wir redeten kurz miteinander. Über belanglose Dinge. Ihr Blick sprach zu mir. Ihre schwarzen Augen in dem schneeweißen Gesicht, das aussah, als wäre es vollkommen blutleer. Eingerahmt von ihrem fließenden schwarzen Haar zog sie mich in ihren Bann. Ich wusste vom ersten Moment an, dass ich alles für sie tun würde.

Wir gingen in ein Hotelzimmer. Ihre Haut war weich. Weiß und kühl. Sie schmeckte salzig. Die Nacht war heiß, die Glut des vergangenen Tages lag noch in der Luft, während wir uns liebten. Ihre Fingernägel bohrten sich in mein Fleisch, während ihre Schenkel mich gefangen hielten. Es war, als würden kleine Splitter aus Eis in meine Haut eindringen. Trotzdem war es ein berauschender Liebesakt. Ihre Arme, ihr Haar und ihr Stöhnen umfingen mich wie ein Fischernetz. Ich fühlte mich gleichermaßen verloren und geborgen. Ihre heißfeuchte Weiblichkeit hielt mich umklammert. Ihre Venuslippen zogen mich in ihren Körper, ergriffen von mir Besitz und schienen mich verschlingen zu wollen. Ich verlor mich in meiner Leidenschaft, und erst viel später – zu spät – erkannte ich, dass sie nicht atmete, als sie kam.

Wir tränkten die Laken mit unserer lustvollen Gier. Dann versetzte Fiora mich in einen rauschhaften Schlaf. Mir schwanden die Sinne, während ich noch spürte, wie sie mir einige Worte zuhauchte.

Heute erzittere ich, wenn ich an ihre eiskalte Stimme denke und an das, was sie zu mir sagte.

 

Als ich erwachte, war sie weg. Ich war nackt und fühlte mich erschöpft. Ich hatte nur wenig Schlaf gefunden. Draußen wurde es gerade Morgen. Die Sonne stand über dem Horizont und legte die Bucht vor dem Hotel in ein Zwielicht aus Nacht und Tag, das nichts von dem freundlichen Licht des Südens an sich hatte. Die Luft war kühl, es wehte ein leichter Wind. Ich trat auf den Balkon und atmete durch. Der Atem brachte mir keine Erfrischung. Ich kehrte ins Zimmer zurück, um mir starken schwarzen Kaffee zu bestellen.

Fiora hatte mir eine Nachricht hinterlassen: Mi sangre es dentro de ti. – Mein Blut ist in dir.

Darunter stand eine Adresse in Málaga. Und ein Name: Arturo.

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

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Gruselgeschichten

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03
Jan
10

Gruselgeschichte – Der Seelenfänger

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Der Seelenfänger

© Carmen Rodrigues

„Tu es!“, hatte es geflüstert. Ganz leise und doch, als befände es sich direkt neben seinem Ohr. „Du weißt, es muss sein. Ich brauche das Leben und ich brauche dich, es mir zu bringen.“ Fordernd erhob sich in seinem Kopf das alljährliche Szenario, welches er so sehr fürchtete. „Geh nun und erfülle deinen Teil der Abmachung. Du weißt, was du verlierst, wenn du versagst!“

Thomas von Lahnstein weinte lautlos ob des Schreckens, der vor ihm lag. Schweigend packte er seine kleine lederne Tasche. Als er nach draußen trat, ließ er den liebevollen und gutmütigen Thomas von Lahnstein zurück und schlüpfte in die Rolle, die seine gemarterte Seele ihm zugedacht hatte für diese einsamen Nächte voller unsagbarem Grauen.

In der eiskalten Dezemberluft lag sie vor ihm: Elisabetha. Wunderschöne, zarte Elisabetha! Ihre bloßen Brüste stachen spitz nach oben in die klirrende Kälte. Ihr schwarzes Haar bedeckte das obere Ende des Holztisches wie eine seidene Tischdecke. Ihr Gesicht war blass, ihre dunklen Augen sahen ihn ausdruckslos an, die vollen roten Lippen waren fest verschlossen. Ihre Haut schimmerte im fahlen Mondlicht wie Perlmutt und nur der Schatten seiner massigen Statur bedeckte ihre entblößte Scham. Ihre schlanken Beine hatte er leicht gespreizt, sodass er besser arbeiten konnte.

Präzise traf er den kleinen Punkt unterhalb ihres Bauchnabels und stach sein Skalpell tief in ihren Körper. Dies war sie, die Stelle, an der die weibliche Seele saß, ihre Liebe glühte und ihre heimliche, fraulich sanfte Macht sich entfaltete. Hier verschmolz die Leidenschaft des Seins zu neuem Leben, hier wurden die tiefsten Sehnsüchte und Wünsche einer Frau versteckt. Genau hier musste er schneiden, er musste all diese Lust und all dieses lebendige Gefühl einfangen, so musste es sein! Dunkles Blut quoll hervor und seine Hand schien in einem purpurnen Strom zu schwimmen, als er den Schnitt ausführte. Sauber und gerade trennte er die Bauchdecke in zwei Teile und hielt kurz unterhalb des Brustansatzes inne.

Die Frauen des kleinen Dorfes kannten den jungen Arzt schon lange und hatten großes Vertrauen zu ihm. Oft schon hatten sie ihn hinter vorgehaltener Hand und mit erröteten Wangen um Hilfe gegen ihre monatlichen Frauenleiden gebeten. Verschämt, aber dankbar hatten sie das Gebräu aus Frauenmantel, Baldrian und Lavendeltropfen entgegengenommen, erleichterte es ihnen doch ihre harte Arbeit auf den Feldern sehr.

Heute, so wie an jedem verfluchten Dezembertag in den Jahren zuvor hatte Thomas dem Heiltrank ein wenig Alraune und schwarzes Bilsenkraut beigemengt. Voller Vertrauen und Hoffnung auf Linderung hatte Elisabetha die Mixtur in einem Zuge getrunken. So konnte sie jetzt nicht das Geringste spüren von dem, was er tat. Keine Regung ihres schlanken Körpers, nicht einmal ein leises Zittern. Nur das stumme, ungläubige Entsetzen in ihren Augen zeugte davon, dass ihr Geist sehr wohl mitbekam, was vor sich ging. Ihr Blick schien um Gnade zu flehen. Ihre lautlose Bitte um Erlösung bohrte sich tief in seine Seele und schien ihn zwingen zu wollen, ihr endlich Frieden zu schenken. Aber es war noch nicht vorbei. Sterben durfte sie erst, wenn er sein Werk vollendet hatte, denn er brauchte ihr Blut frisch und unverdorben, das Leben musste noch darin pulsieren!

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

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Kurzbeschreibung
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02
Jan
10

Gruselgeschichte – Gottes kalte Gabe

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Gottes kalte Gabe

© Karin Reddemann

Es war einer dieser trägen, trockenen Tage, die nicht wirklich glücklich sind. Du nimmst sie hin wie einen langen lästigen Spuk, der Deinen Körper nass und salzig macht, willst Dich bewegen, wenn Deine Nase juckt, bist aber zu faul, um sie zu kratzen. Am Abend des 19. Augusts 1983 feierte ganz Pitzbach mittelalterliches Sauerfest in Humperdinks ausgebauter Scheune. Am Nachmittag holte mich Theresa, um bei mir zu sein, bis sie über den Verbleib meiner Seele entscheiden darf. Es ist Gottes Geschenk an sie.

Ich war sehr dick in diesem Sommer 1983, ein dickes sommersprossiges Mädchen in hellblauen Baumwollshorts mit zu kurz geschnittenem Stirnhaar und hüftlangen Zöpfen. Theresa gefiel es, dass ich unförmig und müde war. Sie liebte es, mit meiner Trägheit zu spielen, neckte mich lauernd, damit ich ihr folge wie ein Welpe, der erstaunt den ersten Schnee schmeckt, drehte sich wie eine Spitzentänzerin auf einem Bein im Kreis, das andere angewinkelt, die Arme ausgestreckt, sprang mit gerafftem Rock über die Gräber, ließ mich hinter ihr her keuchen und sie niemals kriegen. “Scht, fettes Kind. Schtscht. Fang mich doch.” Theresa Ernestine Reitzenstein hätte wohl gern von meinem Speck gekostet, manchmal, wenn ihre grauen, fast wimpernlosen Augen einen unstillbaren Hunger verrieten, ließ ihn aber nur einmal zwischen Daumen und Zeigefinger rollen, als ich ihr unvorbereitet zu nahe gekommen war, kniff hinein, strahlte. Sagte: “Scht, süßes Kind. Schtscht. Wir sind schließlich Freunde.”

Die Mittagssonne verbrannte mir an diesem Tag im August 1983 in Pitzbach das Gesicht, auch die Knie, auf denen angeschmuddelte Pflaster klebten, sinnloses Indiz für den Versuch, über Tante Eddis Gartenzaun zu hüpfen. Ich fühlte mich einmal mehr wie ein plumpes Etwas, das durch den Sommer stolperte und hinfiel und wieder aufstand, um Tante Eddi pusten und streicheln zu lassen. Eine Dreizehnjährige, der die triefende Nase noch geputzt werden musste. Fast trotzig, ließ es mir gern gefallen, tröstete mich damit, erwachsen werden zu können, wenn ich erst einmal vernünftige Brüste haben und bluten würde. Der Hund schützte meinen weißen Bauch, der weich und viel zu kuschelig war, um ihn nicht hassen zu müssen. Er war heiß von Tinkas Körperwärme, ihr goldbraunes langes Fell saugte sich fest an meiner Haut, aber ich ertrug es und liebte sie für ihre kehligen Seufzer, denn sie war dick wie ich. Tinka hatte sich auf mich gequetscht, schnarchte und knurrte im Schlaf, während ihre Pfoten strampelten, als würde sie ihre hoffnungsvollen Tagträume jagen und erwischen, um sie glücklich zu zerbeißen. Tante Eddi, die sich auf ihr letztes Sauerfest in Humperdinks Scheune freute, schimpfte zärtlich und verlangte von mir, in den Schatten zu gehen. Ich blieb auf ihrer geblümten Liege, ohne mich zu rühren, zog an meinem Strohhalm und pustete Luft in das Glas, ließ Bläschen steigen und zerstach sie mit meinem rechten kleinen Fingernagel, weil er mein schönster war. Ein langer rot lackierter Nagel, die anderen kaute ich weg. Tante Eddis selbstgemachte Limonade war süß und dickflüssig wie Beerenauslese, die ich viele Jahre später schmeckte, um mich zu entschließen, sie nie wieder trinken zu wollen. Weil sie an meinen Eingeweiden nagte wie die Erinnerung an Theresa, die mich in diesem Sommer 1983 allerbeste Freundin nannte. Die auf dem Grabstein ihrer Eltern Pirouetten drehte und Schmetterlingen die Flügel herausriss, um sie zu schlucken wie die Erde auf ihrer eigenen Gruft. Ich sehe mich dort stehen in meinen verwaschenen Shorts, ich trage rote Sandalen, in denen sich winzige Steinchen verirren, und meine Hände greifen nach meinen Zopfenden, um sie zu kneten. Meine Augen sind grün, die gelben Sprenkel darin, die ich von Großvater Konrad habe, tanzen nicht. Ich höre mich flüstern, leise genug, um keinen zu wecken: “Warum tust Du das?” Und wieder und wieder summt sie ihr Lied, hebt den langen gerüschten Rock, wippt mit den Füßen, die in schwarzen Schnürschuhen stecken, wiegt sich und lacht. Zupft an den honigblonden Locken, breitet die Arme aus, immer wieder macht sie das, wirft mir Luftküsse zu, sagt: “Gottes Gabe.”

Wie diese spannende Geschichte weitergeht, erfährst Du in dem Buch

Karin Reddeman
Gottes kalte Gabe

Gottes kalte Gabe

Karin Reddemann: Gottes kalte Gabe

Pressestimmen:

Ein totes Mädchen geistert über nächtliche Gräber, Vaters stille Brüder kommen einer nach dem anderen auf seltsame Weise ums Leben und ein junger Mörder weint des Nachts bitterlich in seine Kissen. Unheimlich? Ja, aber auch wunderbar unterhaltsam. Und ein bisschen süchtig machend. Ist die eine Erzählung zu Ende, lechzt man nach der nächsten. … “Gottes kalte Gabe” … Ein trefflicher Titel für einen Reigen mystischer, düsterer und melancholischer, immer hochliterarischer Geschichten. Karin Reddemann … entwickelt mit einem ausgefeilten Sprachgefühl kleine mysteriöse Welten, in denen es sowohl gruselig und unheimlich zugeht als auch ironischwitzig und ein wenig erotisch. Und fast immer raffiniert überraschend.
Westdeutsche Allgemeine Zeitung

… mit so scharfem Blick und so wortmächtig, dass man sich dem Sog kaum entziehen kann. Die von Karin Reddemann sehr geschätzte Elke Heidenreich würde wohl lapidar empfehlen: “Lesen.”
Saarbrücker Zeitung

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01
Jan
10

Gruselgeschichte – Nachsitzen

Gruselgeschichte – Grusel – Spannung – Gänsehaut

Nachsitzen

© Christian Poignée

Das Eichhörnchen hatte es bis an das Ende des Astes geschafft. Der Ast bog sich unter seinem Gewicht und wackelte im Wind hin und her. Er konnte förmlich sehen, wie es sich konzentrierte und den Ast des anderen Baumes fixierte. Es waren gut zwei Meter, die es zu überwinden galt. Das Eichhörnchen verlagerte sein Gewicht auf die Hinterbeine, beugte sich vor und …

Klatsch!

Carl schrie auf. Der Rohrstock war mit voller Wucht auf seinen linken Handrücken geknallt. Er fuhr herum und sah in das zornige Gesicht von Mrs. Whimmer. Der Stock wedelte vor seinem Gesicht hin und her. „Wieder einmal am Träumen?“, fragte sie. „Wann wirst du es endlich lernen, dass man in meinem Unterricht nicht verträumt aus dem Fenster zu starren hat? Du bist hier um etwas zu lernen. Und wenn ich es in dich hineinprügeln muss, dann ist das eben so. Aber bei Gott und seinem Sohn Jesus Christus, du wirst es lernen. Und damit ich auch ganz sicher gehen kann, wirst du heute eine Stunde nachsitzen!“

„Eine Stunde?“, entfuhr es Carl.

Wieder hob sich der Rohrstock bedrohlich in die Höhe. „Eine Stunde sagte ich“, zischte Mrs. Whimmer. „Aber wir können es auch gerne auf zwei Stunden erhöhen, wenn du möchtest.“ Sie sah ihn herausfordernd an, doch Carl schüttelte nur den Kopf und starrte auf seinen Tisch hinunter. „Gut. Das wäre dann ja geklärt!“ Sie wandte sich um und ging zurück zur Tafel.

„Eine ganze Stunde!“, dachte Carl. „Und das heute!“ Er hatte doch gleich nach der Schule auf den Fußballplatz gewollt. Ohne ihn würde seine Mannschaft im Revanchespiel gegen die Nachbarklasse bestimmt untergehen. Er schluckte. Alles nur wegen diesem dummen Eichhörnchen! Vorsichtig fuhr er sich mit der rechten Hand über die linke. Dort, wo ihn der Stock erwischt hatte, zeichnete sich ein dunkelroter Strich ab. Die Hand brannte und nur mit Mühe schaffte es Carl, nicht zu weinen. Diesen Triumph wollte er Mrs. Whimmer nicht gönnen. Schlimm genug, dass sie ihn erwischt hatte, aber bestimmt würde er nicht wie ein Mädchen heulen.

Mittlerweile hatte Mrs. Whimmer ein altes, speckiges Schulbuch in die Hand genommen und las der Klasse daraus vor. Der Schmerz in Carls Hand wollte einfach nicht abflauen. So sehr er sie auch massierte, der rote Strich wurde nur noch dunkler und das Pochen von Minute zu Minute schlimmer.

Es dauerte eine halbe Ewigkeit, bis der Gong ertönte und die Stunde beendet war. Der Klassenraum leerte sich schnell, und bald waren nur noch Mrs. Whimmer und Carl da.

Bei jedem anderen Lehrer hätte Carl die Hoffnung gehabt, dass nach fünf Minuten der Satz käme: „Das soll dir eine Lehre sein. Wir werden heute noch einmal Gnade vor Recht ergehen lassen. Beim nächsten Mal wirst du wirklich nachsitzen, aber jetzt sieh zu, dass du deine Sachen einpackst und verschwindest.“ Die meisten Lehrer hatten Besseres vor, als einem unaufmerksamen Schüler den Nachmittag zu verderben. Nicht aber Mrs. Whimmer.

Die Lehrerin baute sich vor Carl auf und sah auf ihn herunter. Nur wenn die Schüler saßen, war ihr das möglich, denn sie war sehr klein, höchstens einen Meter fünfzig. Der Rohrstock bewegte sich hin und her. Ein Metronom der Schmerzen, ein Pendel der Qual. Carl versuchte, sich auf Mrs. Whimmers Gesicht zu konzentrieren, aber sein Blick glitt immer wieder zu dem Rohrstock und folgte seinen Bewegungen.

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Der Füllfederhalter des Grauens
Gruselgeschichten

Der Füllfederhalter des Grauens - Gruselgeschichten

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